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Palazzo Lampedusa : Hier lächeln keine Götter mehr

„Ein wahres Reich für einen einzigen Knaben“: In der rekonstruierten Villa sind Wohnungen untergekommen. Bild: Andreas Rossmann

Wo das Vorbild für den „Leopard“ wohnte: Der Stadtpalast der Familie des sizilianischen Schriftstellers Giuseppe Tomasi di Lampedusa in Palermo ist wiederaufgebaut worden.

          Es gibt keine Zeitzeugen mehr. Niemanden, der aus eigener Erinnerung Auskunft geben könnte, wie es in dem Palais, in dem Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896 bis 1957) bis zu seinem siebenundvierzigsten Lebensjahr wohnte, ausgesehen hat. Am 5. April 1943 wurde der Adelssitz der Familie in der Altstadt von Palermo, nahe der Kirche San Domenico, von einem amerikanischen Luftangriff in Schutt und Asche gelegt. Da war in Sizilien das Ende des Zweiten Weltkriegs bereits absehbar. Im Januar hatten die Alliierten die „Operation Husky“ beschlossen, am 10. Juli landeten ihre Truppen an der Südküste, knapp zwei Wochen später nahmen sie Palermo ein. Auch Gioacchino Lanza Tomasi, der 1934 geborene Adoptivsohn und Erbe des Schriftstellers, dessen Familie erst nach dem Krieg nach Sizilien kam, hat den Palast nicht mehr kennengelernt.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Was überliefert ist, sind Beschreibungen, auch ein paar Fotos, Luftaufnahmen, Dokumente. Die genauesten und aufschlussreichsten stammen von Tomasi di Lampedusa selbst, der in seinen 1955 verfassten, 1961 erschienenen „Ricordi d’infanzia“ (Kindheitserinnerungen) die Orte porträtiert, an denen er aufgewachsen ist, insbesondere das Geburtshaus in der Via Lampedusa 17, einer „kleinen, verborgenen Straße“, dem er sieben, um zwei Skizzen ergänzte Seiten widmet: „Zuerst unser Haus. Ich liebte es mit uneingeschränkter Hingabe. Und liebe es noch heute, da es seit zwölf Jahren nicht mehr als eine Erinnerung ist.“ Denn „alles“, so führt er wenig später aus, „gefällt mir daran: Die Asymmetrie seiner Mauern, die Größe seiner Salons, der Stuck an den Decken, der ranzige Geruch der Küche meiner Großeltern, das Veilchenparfum im Ankleideraum meiner Mutter, die Schwüle der Ställe, der gute Duft des gereinigten Leders in der Sattlerei, das Geheimnis der nicht fertiggestellten Wohnungen im zweiten Geschoss, die riesige Remise, in der die Kutschen gewartet wurden. Eine ganze Welt voller freundlicher Geheimnisse und immer wieder neuer, immer zärtlicher Überraschungen.“

          Wunde im geschundenen Stadtkörper

          Eine untergegangene Welt. Etwas Silberbesteck und erlesenes Porzellan, ein paar Gemälde, Landschaftsbilder wie auch Porträts, und die achttausend Bände umfassende Bibliothek ist alles, was gerettet und in die Nachkriegsresidenz des Schriftstellers, die, wie er betont, „nicht wirklich mein Haus ist“, verbracht wurde, einen Palast in der Via Butera, in dem heute sein Adoptivsohn lebt. Nach dem Krieg bestand für etwa zehn Jahre, genau weiß man es nicht, eine Fabrik für Klinker und Kacheln auf dem Trümmergrundstück, dann wurde es aufgegeben, Bäume und Sträucher, auch Müll und Abfall überwucherten es.

          Die Ruinen des Palasts, in dem der Autor des Jahrhundertromans „Il Gattopardo“ (Der Leopard) geboren wurde und „vielleicht im gleichen Zimmer“, so schreibt er, „sicher war, einmal zu sterben“, schwärten als offene, wenig bekannte Wunde im geschundenen Stadtkörper. Was als Ort für ein Literaturhaus oder eine Künstlerresidenz prädestiniert schien, war jahrzehntelang dem Verfall anheimgegeben. Bis sich 2010 ein Konsortium von 35 Bürgern zusammenfand, um unter der Federführung von Architekten des Studios PL5 den Wiederaufbau anzugehen – nicht mit einer Replik des Originals, doch mit einem Gebäude, das ihm nahekommt und angemessen nachfolgt.

          Luxus und Niedergang:  „Die von jenseits des Ozeans eingeschleppten Bomben, die das Haus heimsuchten und zerstörten“, vernichteten die letzte Bastion der Familie.

          Das Grundstück misst 1600 Quadratmeter, der Palazzo verfügte über eine Wohnfläche von dreitausend Quadratmetern, im Vergleich dazu nimmt sich die Villa von Thomas Mann in Pacific Palisades wie ein bescheidener Sommersitz aus. Die Gruppe, die 10,5 Millionen Euro investierte, stellte sich die Aufgabe, einen Adelssitz in eine Wohnanlage mit 37 Einheiten zu verwandeln, ohne die Kubatur und die Außenmaße zu verändern. Der „konservative“ Ansatz, auf den sie sich nach langen Diskussionen einigte, unternimmt eine Gratwanderung: einerseits, möglichst viel zu erhalten, die verbliebenen Pfeiler- und Mauerreste einzubeziehen und den Unterschied von Alt und Neu offenzulegen, andererseits eine Nutzung zu ermöglichen, die höchste Ansprüche erfüllt, weshalb auch fünf Treppenhäuser mit Aufzügen eingefügt wurden. Der zu siebzig Prozent erhaltene Südflügel, in dem Tomasi di Lampedusa mit seinen Eltern wohnte, wurde restauriert, der demolierte Nordflügel, in dem die Großeltern väterlicherseits lebten, neu aufgebaut.

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