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Otto Ludwig : Ein großer Erzähler, der zu Unrecht vergessen ist

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Otto Ludwig wurde vor zweihundert Jahren geboren. Aber gefeiert wird das nicht. Dabei ist er der Urvater des psychologischen Romans und Deutschlands erster moderner Prosaautor. Man sollte ihn lesen.

          8 Min.

          In den Zeitungen gibt es so gut wie nichts über ihn. Zu seinem hundertsten Todestag vor bald fünfzig Jahren fand sich in diesem Feuilleton eine herablassende Notiz, welche die einstige Befassung mit ihm als Irrtum abtat und ihm eine „alchimistische Zwangsneurose“ bescheinigte - keine unzutreffende Diagnose. Otto Ludwig ist der wohl krasseste Fall von Verkennung eigenen Talents, wobei er durchaus nicht glaubte, dass er gar keines besitze, er fühlte sich nur zu Falschem berufen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn er war zwar (auch) Dramatiker, aber kein bedeutender. Selbst mit seinem wichtigsten Stück, dem unwahrscheinlichen, reißerisch-kolportagehaften „Erbförster“, mit dem er 1850 in Dresden kurz Furore machte, kam er aus dem Stand des „deutschen Möchtegern-Shakespeare“ (Gerhard Stadelmaier) nicht heraus. Dass man ihn mitnennen muss, wenn vom Dramatikerjahr die Rede ist, liegt ganz einfach daran, dass er, wie Wagner, Verdi, Büchner und Hebbel, 1813 geboren wurde, am 12. Februar, also heute vor zweihundert Jahren. Gedichte hat er auch geschrieben, aber die waren schon den zeitgenössischen Lesern zu langweilig.

          Ständig verlief er sich

          Trotzdem ist es nicht in Ordnung, dass die Gedenktagsmaschine, die sonst schon bei halbrunden Jubiläen hochtourig rattert, bei ihm aussetzt. Denn Otto Ludwig war das wahrscheinlich bedauerlichste Paradoxon, das die deutschsprachige Literatur kennt: eine Mensch gewordene Zwangsneurose gewissermaßen, aber auch ein trotz seines provinziellen Habitus aufgeschlossener, für damalige Verhältnisse geradezu gesamteuropäisch gesinnter Theoretiker, von dem man viel über Literatur lernen kann, der jedoch - und hier beginnt der fast tragische Aspekt seines Lebens - mit seinen eigenen Sachen nicht zu Rande kam, obwohl er, wie sein Meisterwerk „Zwischen Himmel und Erde“ bewies, ein außergewöhnlicher Erzähler war.

          Ständig irgendwelche Pläne und Projekte im Kopf - allein vom Agnes-Bernauer-Stoff hinterließ er achtzig verschiedene Manuskripte -, manövrierte er sich mit seinen Dramen- und Romanstudien in eine Situation hinein, in der seine Produktivität vollends erlahmte, während das Zeitalter des poetischen Realismus, eine Wortprägung, die von Schelling stammte, die er erst hoffähig gemacht hat, in voller Blüte stand. Otto Ludwig aber wurde, anders als die Kellers und Storms, Stifters und Fontanes, bald vergessen, um es dann nicht mehr erleben zu müssen, wie er von einer NS-nahen Literaturwissenschaft, die ihm in unguter Zeit, zwischen 1938 und 1942, sogar ein eigenes Jahrbuch widmete, völkisch vereinnahmt und später von einer sozialkritisch eingestellten Zunft als provinziell und spießbürgerlich abgeurteilt wurde.

          Letzteres war er in gewisser Weise tatsächlich. Weiter als bis Dresden hat er sich von seiner thüringisch-fränkischen Scholle, auf der seine Prosa, die unverdrossen das Loblied auf Handwerkertum und bürgerliche Ehrbarkeit anstimmte, gedieh, nie entfernt. Als er in Leipzig vorübergehend bei Mendelssohn Musik studierte, war er nicht in der Lage, eine Leihbibliothek aufzusuchen, weil er sich ständig verlief. „Heimat! Was liegt in diesen zwei kleinen Silben! - Im Gedanken an Heimat umarmen sich all unsre guten Engel!“ Selbst wenn man bei diesem Stoßseufzer aus „Zwischen Himmel und Erde“ eine leise Ironie unterstellt, würde man als an moderner Literatur interessierter Leser sofort misstrauisch. Und doch kann man sagen, dass mit Otto Ludwig die moderne Prosa beginnt. Solche Seelenkunde hatte bis dahin niemand getrieben wie er in „Zwischen Himmel und Erde“, und es ist ein bezeichnender Zufall, dass die Erzählung in Freuds Geburtsjahr 1856 erschien, wie auch Flauberts „Madame Bovary“. Mit ihr wurde Otto Ludwig zum Begründer zumindest des deutschsprachigen psychologischen beziehungsweise schon psychoanalytischen Romans.

          Ein Drama wie Kain und Abel

          Zum Glück hielt er sich nicht an seine eigenen theoretischen Überlegungen, denen zufolge das Drama „innerseelische Vorgänge“ darzustellen habe, der Roman hingegen das Individuum in seiner Zeit und seinem Milieu. Von einem gesellschaftlichen Primat ist in „Zwischen Himmel und Erde“ jedenfalls nichts zu spüren. Otto Ludwig lebt sich hier in seinem Hang zur Grübelei rückhaltlos aus.

          Es ist die in einer thüringischen Kleinstadt angesiedelte Geschichte der Dachdecker-Familie Nettenmair, ein Kain-und- Abel-Drama von seltener Vergrübeltheit und zugleich Spannung. Dem schüchternen, skrupulösen Apollonius wird von seinem älteren Bruder Fritz die Braut Christiane ausgespannt, der Vater schickt ihn zur Ausbildung nach Köln, von wo er, selbstsicherer und weltmännischer als vorher, zurückkehrt, um das Schieferdach der Dorfkirche zu reparieren. Im Laufe dieser lebensgefährlichen Arbeit erkennt er, dass er von seinem Bruder betrogen wurde und Christiane ihn immer noch liebt. Fritz, der daraufhin schleichend entmachtet wird, steigert sich in Wahnvorstellungen hinein, verursacht im Streit mit seiner Frau Christiane den Tod der gemeinsamen Tochter und verübt einen Mordanschlag auf Apollonius, indem er dessen Sicherheitsseil manipuliert. Ein anderer Arbeiter kommt statt seiner ums Leben.

          Der inzwischen fast blinde, eigensinnig-autoritäre Vater erkennt die Lage in seinem Haus und stellt in einer der atemberaubenden Showdown-Szenen auf dem Kirchdach Fritz vor die Wahl, um die Schande gleichsam auszulöschen: entweder sich freiwillig allein oder mit dem Alten zusammen vom Dach zu stürzen. Fritz entkommt und will dann Apollonius umbringen, kommt dabei aber selbst um. Damit wäre die Bahn für die Liebenden frei, aber Apollonius verzichtet darauf, Christiane zu heiraten; man lebt bis ans Ende seiner Tage keusch und pflichtbewusst nebeneinanderher.

          Bis in die verborgensten Gedankengänge hinein

          Für dieses idyllisch-asketische Ende einer stellenweise fast reißerischen Handlung wurde der Autor schon zu Lebzeiten kritisiert. Otto Ludwig entgegnete, indem er den pathologischen Kern seines Romans bloßlegte: Apollonius sei ein „moralischer Hypochonder“, der es lieber nicht darauf ankommen lasse, seine Wünsche zu verwirklichen, weil diese dann mit dem Schmutz der Realität behaftet seien. Leitmotivisch ist von ihm als „Federchensucher“ die Rede, der es nicht ertragen kann, wenn sich auf seiner Kleidung und eigentlich auf seiner ganzen Existenz auch nur ein Staubkorn der Wirklichkeit findet.

          Diese krankhaft idealistische Disposition, mit der Otto Ludwig seine Nähe zur Romantik verrät, findet ihre äußere Entsprechung nicht nur in den bedrückenden Szenen im biedermeierlichen Hause, sondern vor allem in den halsbrecherisch kühnen auf dem Kirchdach: Apollonius hat beim Einschlagen der Nägel die fixe Idee, er schlage so etwas wie seine persönliche Schuld am Tod des Bruders ins Holz, die er dann zu tilgen meint, als er schließlich ein letztes Mal aufs Dach steigt, um die Kirche, in die der Blitz eingeschlagen hat, vor dem Abbrennen zu retten: „Dort hatte er seine bösen Gedanken in die Arbeit hineingehämmert; er hatte damals schon gefühlt, er hämmere einen Zauber zurecht, ein kommend Unheil fertig. Tag und Nacht verfolgte ihn das Bild der Stelle, wo er die Bleiplatte einzusetzen und den Zierat festzunageln vergessen. Die Lücke war wie ein böser Fleck, ein Fleck, wo eine Untat begonnen oder vollbracht ist, und kein Gras wächst, kein Schatten wird; wie eine offene Wunde, die nicht heilt, bis sie gerächt ist; wie ein leeres Grab, das sich nicht schließt, eh’ es seinen Bewohner aufgenommen hat. War nur die Lücke geschlossen, dann hatte der Zauber keine Macht mehr.“

          Was der Erzähler hier beschreibt, sollte die klinische Psychologie später als Zwangsneurose diagnostizieren. Deutlich arbeitet Ludwig dabei das magische Denken heraus, das Apollonius (und jeden wirklichen Patienten) so quält und annehmen lässt, man könne mit bloßen Gedanken Unheil heraufbeschwören und durch entsprechende, auf Grund des seelischen Drucks tatsächlich zwanghafte Handlungen diese Ursächlichkeit wieder rückgängig machen. Bis in die subtilsten, verborgensten Gedankengänge hinein verfolgt der Erzähler seinen Helden und zeigt, dass Apollonius den Tod seines Bruders nicht verhindert hat, weil er ihn insgeheim doch wünschte: „War es des Bruders Sturz, was er gehämmert hat? Dann fiel ihm ein, ob’s nicht möglich gewesen wäre, den Wahnsinnigen zu retten. Dann suchte er ängstlich nach den Möglichkeiten, wie der Bruder zu retten gewesen wäre, und schreckte doch zurück, wenn er dachte, er könnte eine finden.“

          So tief hatte noch kein Prosaautor gebohrt; erst Dostojewski sollte das, ein Jahrzehnt später und beginnend mit „Schuld und Sühne“, zum Gestaltungsprinzip seiner großen Romane machen.

          Heute wäre er ein Fall für den Psychiater

          So bewies Otto Ludwig seine Modernität. Er verhielt sich nicht mehr rein deskriptiv, sondern ging der Seele buchstäblich auf den Grund und bediente sich dabei eines Stilmittels, mit dem er ebenfalls bahnbrechend wirkte: des inneren Monologs und der erlebten Rede. Die ungeheure seelische Dynamik seines Romans ergibt sich daraus, dass das Personal, wie wir heute sagen würden, unfähig ist zu kommunizieren; es ist die Geschichte einer fortschreitenden Isolation, in der jeder seine unguten Gedanken ausbrütet. Bei Fritz geht das bis zum Wahnsinn, den nicht erkannt zu haben Apollonius sich am Ende vorwerfen muss.

          Was er sich zusammenphantasiert, ist zumindest in Ansätzen schon jener stream of consciousness, wie man ihn Jahrzehnte später bei Schnitzler, Joyce und anderen als Errungenschaft feiern sollte: „Und das Weib hier, dies schöne Weib mit dem Engelsantlitz, auf das selbst die Lampe liebend all ihre Strahlen sammelt und mehr Glanz von ihr gewinnt, als sie von der Lampe; dieses Weib, Sein Weib, Seins! auch Sein wie alles, was einmal mein war.“

          Mit gutem Grund konnte Otto Ludwig geltend machen, dass auch Apollonius kein uneingeschränkt positiver Held ist. Was nach Altruismus aussieht, ist in Wirklichkeit zwanghaftes Handeln, zu dem es keine Alternative gibt. Die unter Lebensgefahr unternommene Rettung der Dorfkirche mündet in das Selbstopfer des Junggesellen, der das Ideal, das er von seiner Schwägerin im Kopf hat, nicht durch eine Ehe auf die Probe stellen will. Heute wäre er ein Fall für den Psychiater. Otto Ludwig wählte, mit Anklängen sowohl an Goethes „Entsagende“ (aus „Wilhelm Meisters Wanderjahren“) als auch, vorausweisend, an das „strenge Glück“ von Thomas Manns „Königlicher Hoheit“, eine merkwürdige literarische Befriedung, die aber alles andere als ein Happy End ist und erst recht unser Interesse fürs Problematische weckt.

          Nur wenn er die Dinge leichtnahm, kam etwas dabei heraus

          Seit dem zwanzigsten Jahrhundert, seit Rilkes „Malte Laurids Brigge“ und Döblins „Berlin Alexanderplatz“, sind wir daran gewöhnt, die Existenzen nervenschwacher oder gar kranker Protagonisten in der Großstadt ausgebreitet zu finden. Otto Ludwig aber hatte frühzeitig erkannt, dass er auf kein Metropolenleben würde bauen können: „Wir haben kein London“, schrieb er in einem Dickens-Aufsatz, „in welchem das Wunderbarste natürlich erscheint, weil es in Wirklichkeit so ist, keinen Verkehr mit Kolonien in allen Weltteilen, kein so großes politisches Leben; wir haben keine Flotten.“

          Die Konsequenz aus dieser Einsicht, der sich Ludwig ohne jedes Bedauern erstmals in der psychologisch gewitzten, aus heutiger Sicht aber betulichen Dorfgeschichte „Die Heiterethei und ihr Widerspiel“ mit dem Titel „Aus dem Regen in die Traufe“ (1855) stellte und die noch heute eine Antwort auf die Frage wäre, warum es in Deutschland mit dem großen Hauptstadt-Roman nichts wird, läuft auf ein Bekenntnis zum Provinziellen hinaus, das Ludwigs persönlicher, gegen alles Fremde misstrauischer Disposition dann doch einen eigenartigen politischen Aspekt beimischt. Dieser weltfremde Autodidakt hat auf seine einsame Art tiefere Erkenntnisse zutage gefördert und auch literarisch umgesetzt, als die im Ganzen doch irritierend karge Rezeption glauben machen könnte.

          Wenn man sich fragt, warum Otto Ludwig als Neuerer so verkannt wurde und heute so gut wie vergessen ist, dann muss man sich nur ältere, lange Zeit maßgebliche Textausgaben ansehen, in denen der Herausgeber Paul Merker bei manchen Bewusstseinsströmen den Übergang ins direkt Gedachte durch Anführungszeichen glaubte markieren zu müssen und so den plumpen Anschein direkter Rede erweckte. Diese Verschlimmbesserungen wirkten nicht nur sinnentstellend, sondern, auf so unmerkliche wie verheerende Weise, auch rufschädigend.

          Die Wucht, die Otto Ludwig mit diesem einen Roman, der 1942 von Harald Braun und mit Werner Krauss verfilmt wurde, erzielte, ist umso bemerkenswerter, wenn man sich klarmacht, dass er dafür nur wenige Wochen brauchte - ein weiteres Paradox dieses Schriftstellers: Er hatte von seinen erzählerischen Fähigkeiten eine so geringe Meinung, dass er glaubte, sich nicht allzu lange damit aufhalten zu dürfen und sich bald wieder seinen dramatischen Bemühungen zuwenden zu müssen. Ludwig attestierte sich hier einen „gewissen Leichtsinn“. Man muss das wörtlich nehmen: Nur wenn er die Dinge leichtnahm, kam etwas dabei heraus. Wahrscheinlich hat er irgendwann selbst begriffen, dass seine Theoretisiererei zu nichts führte: „Wäre ich doch auf dem Wege der Produktion wie im Erbförster geblieben, hätte mich damit aber dem Roman zugewandt.“ Doch da war es zu spät. Otto Ludwig war bereits nervenkrank und starb, zweiundfünfzigjährig, am 25. Februar 1865.

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