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Otto Ludwig : Ein großer Erzähler, der zu Unrecht vergessen ist

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Die Konsequenz aus dieser Einsicht, der sich Ludwig ohne jedes Bedauern erstmals in der psychologisch gewitzten, aus heutiger Sicht aber betulichen Dorfgeschichte „Die Heiterethei und ihr Widerspiel“ mit dem Titel „Aus dem Regen in die Traufe“ (1855) stellte und die noch heute eine Antwort auf die Frage wäre, warum es in Deutschland mit dem großen Hauptstadt-Roman nichts wird, läuft auf ein Bekenntnis zum Provinziellen hinaus, das Ludwigs persönlicher, gegen alles Fremde misstrauischer Disposition dann doch einen eigenartigen politischen Aspekt beimischt. Dieser weltfremde Autodidakt hat auf seine einsame Art tiefere Erkenntnisse zutage gefördert und auch literarisch umgesetzt, als die im Ganzen doch irritierend karge Rezeption glauben machen könnte.

Wenn man sich fragt, warum Otto Ludwig als Neuerer so verkannt wurde und heute so gut wie vergessen ist, dann muss man sich nur ältere, lange Zeit maßgebliche Textausgaben ansehen, in denen der Herausgeber Paul Merker bei manchen Bewusstseinsströmen den Übergang ins direkt Gedachte durch Anführungszeichen glaubte markieren zu müssen und so den plumpen Anschein direkter Rede erweckte. Diese Verschlimmbesserungen wirkten nicht nur sinnentstellend, sondern, auf so unmerkliche wie verheerende Weise, auch rufschädigend.

Die Wucht, die Otto Ludwig mit diesem einen Roman, der 1942 von Harald Braun und mit Werner Krauss verfilmt wurde, erzielte, ist umso bemerkenswerter, wenn man sich klarmacht, dass er dafür nur wenige Wochen brauchte - ein weiteres Paradox dieses Schriftstellers: Er hatte von seinen erzählerischen Fähigkeiten eine so geringe Meinung, dass er glaubte, sich nicht allzu lange damit aufhalten zu dürfen und sich bald wieder seinen dramatischen Bemühungen zuwenden zu müssen. Ludwig attestierte sich hier einen „gewissen Leichtsinn“. Man muss das wörtlich nehmen: Nur wenn er die Dinge leichtnahm, kam etwas dabei heraus. Wahrscheinlich hat er irgendwann selbst begriffen, dass seine Theoretisiererei zu nichts führte: „Wäre ich doch auf dem Wege der Produktion wie im Erbförster geblieben, hätte mich damit aber dem Roman zugewandt.“ Doch da war es zu spät. Otto Ludwig war bereits nervenkrank und starb, zweiundfünfzigjährig, am 25. Februar 1865.

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