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Otto Ludwig : Ein großer Erzähler, der zu Unrecht vergessen ist

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Was der Erzähler hier beschreibt, sollte die klinische Psychologie später als Zwangsneurose diagnostizieren. Deutlich arbeitet Ludwig dabei das magische Denken heraus, das Apollonius (und jeden wirklichen Patienten) so quält und annehmen lässt, man könne mit bloßen Gedanken Unheil heraufbeschwören und durch entsprechende, auf Grund des seelischen Drucks tatsächlich zwanghafte Handlungen diese Ursächlichkeit wieder rückgängig machen. Bis in die subtilsten, verborgensten Gedankengänge hinein verfolgt der Erzähler seinen Helden und zeigt, dass Apollonius den Tod seines Bruders nicht verhindert hat, weil er ihn insgeheim doch wünschte: „War es des Bruders Sturz, was er gehämmert hat? Dann fiel ihm ein, ob’s nicht möglich gewesen wäre, den Wahnsinnigen zu retten. Dann suchte er ängstlich nach den Möglichkeiten, wie der Bruder zu retten gewesen wäre, und schreckte doch zurück, wenn er dachte, er könnte eine finden.“

So tief hatte noch kein Prosaautor gebohrt; erst Dostojewski sollte das, ein Jahrzehnt später und beginnend mit „Schuld und Sühne“, zum Gestaltungsprinzip seiner großen Romane machen.

Heute wäre er ein Fall für den Psychiater

So bewies Otto Ludwig seine Modernität. Er verhielt sich nicht mehr rein deskriptiv, sondern ging der Seele buchstäblich auf den Grund und bediente sich dabei eines Stilmittels, mit dem er ebenfalls bahnbrechend wirkte: des inneren Monologs und der erlebten Rede. Die ungeheure seelische Dynamik seines Romans ergibt sich daraus, dass das Personal, wie wir heute sagen würden, unfähig ist zu kommunizieren; es ist die Geschichte einer fortschreitenden Isolation, in der jeder seine unguten Gedanken ausbrütet. Bei Fritz geht das bis zum Wahnsinn, den nicht erkannt zu haben Apollonius sich am Ende vorwerfen muss.

Was er sich zusammenphantasiert, ist zumindest in Ansätzen schon jener stream of consciousness, wie man ihn Jahrzehnte später bei Schnitzler, Joyce und anderen als Errungenschaft feiern sollte: „Und das Weib hier, dies schöne Weib mit dem Engelsantlitz, auf das selbst die Lampe liebend all ihre Strahlen sammelt und mehr Glanz von ihr gewinnt, als sie von der Lampe; dieses Weib, Sein Weib, Seins! auch Sein wie alles, was einmal mein war.“

Mit gutem Grund konnte Otto Ludwig geltend machen, dass auch Apollonius kein uneingeschränkt positiver Held ist. Was nach Altruismus aussieht, ist in Wirklichkeit zwanghaftes Handeln, zu dem es keine Alternative gibt. Die unter Lebensgefahr unternommene Rettung der Dorfkirche mündet in das Selbstopfer des Junggesellen, der das Ideal, das er von seiner Schwägerin im Kopf hat, nicht durch eine Ehe auf die Probe stellen will. Heute wäre er ein Fall für den Psychiater. Otto Ludwig wählte, mit Anklängen sowohl an Goethes „Entsagende“ (aus „Wilhelm Meisters Wanderjahren“) als auch, vorausweisend, an das „strenge Glück“ von Thomas Manns „Königlicher Hoheit“, eine merkwürdige literarische Befriedung, die aber alles andere als ein Happy End ist und erst recht unser Interesse fürs Problematische weckt.

Nur wenn er die Dinge leichtnahm, kam etwas dabei heraus

Seit dem zwanzigsten Jahrhundert, seit Rilkes „Malte Laurids Brigge“ und Döblins „Berlin Alexanderplatz“, sind wir daran gewöhnt, die Existenzen nervenschwacher oder gar kranker Protagonisten in der Großstadt ausgebreitet zu finden. Otto Ludwig aber hatte frühzeitig erkannt, dass er auf kein Metropolenleben würde bauen können: „Wir haben kein London“, schrieb er in einem Dickens-Aufsatz, „in welchem das Wunderbarste natürlich erscheint, weil es in Wirklichkeit so ist, keinen Verkehr mit Kolonien in allen Weltteilen, kein so großes politisches Leben; wir haben keine Flotten.“

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