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Otto Ludwig : Ein großer Erzähler, der zu Unrecht vergessen ist

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Ein Drama wie Kain und Abel

Zum Glück hielt er sich nicht an seine eigenen theoretischen Überlegungen, denen zufolge das Drama „innerseelische Vorgänge“ darzustellen habe, der Roman hingegen das Individuum in seiner Zeit und seinem Milieu. Von einem gesellschaftlichen Primat ist in „Zwischen Himmel und Erde“ jedenfalls nichts zu spüren. Otto Ludwig lebt sich hier in seinem Hang zur Grübelei rückhaltlos aus.

Es ist die in einer thüringischen Kleinstadt angesiedelte Geschichte der Dachdecker-Familie Nettenmair, ein Kain-und- Abel-Drama von seltener Vergrübeltheit und zugleich Spannung. Dem schüchternen, skrupulösen Apollonius wird von seinem älteren Bruder Fritz die Braut Christiane ausgespannt, der Vater schickt ihn zur Ausbildung nach Köln, von wo er, selbstsicherer und weltmännischer als vorher, zurückkehrt, um das Schieferdach der Dorfkirche zu reparieren. Im Laufe dieser lebensgefährlichen Arbeit erkennt er, dass er von seinem Bruder betrogen wurde und Christiane ihn immer noch liebt. Fritz, der daraufhin schleichend entmachtet wird, steigert sich in Wahnvorstellungen hinein, verursacht im Streit mit seiner Frau Christiane den Tod der gemeinsamen Tochter und verübt einen Mordanschlag auf Apollonius, indem er dessen Sicherheitsseil manipuliert. Ein anderer Arbeiter kommt statt seiner ums Leben.

Der inzwischen fast blinde, eigensinnig-autoritäre Vater erkennt die Lage in seinem Haus und stellt in einer der atemberaubenden Showdown-Szenen auf dem Kirchdach Fritz vor die Wahl, um die Schande gleichsam auszulöschen: entweder sich freiwillig allein oder mit dem Alten zusammen vom Dach zu stürzen. Fritz entkommt und will dann Apollonius umbringen, kommt dabei aber selbst um. Damit wäre die Bahn für die Liebenden frei, aber Apollonius verzichtet darauf, Christiane zu heiraten; man lebt bis ans Ende seiner Tage keusch und pflichtbewusst nebeneinanderher.

Bis in die verborgensten Gedankengänge hinein

Für dieses idyllisch-asketische Ende einer stellenweise fast reißerischen Handlung wurde der Autor schon zu Lebzeiten kritisiert. Otto Ludwig entgegnete, indem er den pathologischen Kern seines Romans bloßlegte: Apollonius sei ein „moralischer Hypochonder“, der es lieber nicht darauf ankommen lasse, seine Wünsche zu verwirklichen, weil diese dann mit dem Schmutz der Realität behaftet seien. Leitmotivisch ist von ihm als „Federchensucher“ die Rede, der es nicht ertragen kann, wenn sich auf seiner Kleidung und eigentlich auf seiner ganzen Existenz auch nur ein Staubkorn der Wirklichkeit findet.

Diese krankhaft idealistische Disposition, mit der Otto Ludwig seine Nähe zur Romantik verrät, findet ihre äußere Entsprechung nicht nur in den bedrückenden Szenen im biedermeierlichen Hause, sondern vor allem in den halsbrecherisch kühnen auf dem Kirchdach: Apollonius hat beim Einschlagen der Nägel die fixe Idee, er schlage so etwas wie seine persönliche Schuld am Tod des Bruders ins Holz, die er dann zu tilgen meint, als er schließlich ein letztes Mal aufs Dach steigt, um die Kirche, in die der Blitz eingeschlagen hat, vor dem Abbrennen zu retten: „Dort hatte er seine bösen Gedanken in die Arbeit hineingehämmert; er hatte damals schon gefühlt, er hämmere einen Zauber zurecht, ein kommend Unheil fertig. Tag und Nacht verfolgte ihn das Bild der Stelle, wo er die Bleiplatte einzusetzen und den Zierat festzunageln vergessen. Die Lücke war wie ein böser Fleck, ein Fleck, wo eine Untat begonnen oder vollbracht ist, und kein Gras wächst, kein Schatten wird; wie eine offene Wunde, die nicht heilt, bis sie gerächt ist; wie ein leeres Grab, das sich nicht schließt, eh’ es seinen Bewohner aufgenommen hat. War nur die Lücke geschlossen, dann hatte der Zauber keine Macht mehr.“

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