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Oskar Roehlers erster Roman : Das Logbuch des Entkommenseins

Der Regisseur Oskar Roehler während der Dreharbeiten zu „Die Quellen des Lebens”, der Verfilmung seines Romans „Herkunft” Bild: F.A.Z. - Kai Nedden

Oskar Roehler, gefürchtet als Filmregisseur, hat einen autobiographisch geprägten Roman über das Verlassenwerden von den Eltern geschrieben. „Herkunft“, ist ein Wagnis, ein Wahnsinn und das Porträt einer Generation.

          Gerechtigkeit ist kein Programm. Nicht, wenn jemand einen Roman schreibt, der von den eigenen Eltern handelt. Und schon gar nicht, wenn diese Eltern so waren wie die von Oskar Roehler, 52, Autor und Regisseur von Filmen wie „Die Unberührbare“, „Jud Süß - Film ohne Gewissen“ oder „Elementarteilchen“. Die Mutter, die Schriftstellerin Gisela Elsner, setzte sich ab, als er drei war, der Vater, der Lektor und Autor Klaus Roehler, vernachlässigte den Sohn, wenn er glaubte, sich um ihn kümmern zu sollen; die Großeltern kümmerten sich, so gut es eben ging, weil sie glaubten, ihn nicht vernachlässigen zu sollen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Gerechtigkeit ist der Tod aller Prosa, die aufs Ganze geht, in der einer etwas über sich selbst erfahren will, indem er eine, seine Geschichte erzählt und sie, so schlicht wie bestimmt, „Herkunft“ nennt. Natürlich muss man dann auch fragen, ob es ein autobiographisches Buch sei. Roehler hat die Frage längst auf seine Weise beantwortet: „Zu 28,75 Prozent“, hat er dem „Kölner Stadtanzeiger“ gesagt.

          Auf dem Buchumschlag steht „Roman“, und hinten findet sich die rituelle Formel: „Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden und realen Personen wäre rein zufällig.“ Das ist schon okay. Fiktion und Wirklichkeit sind ja längst verschmolzen. Wer, nur zum Beispiel, in einer Suchmaschine nach Bildern von Roehlers Mutter Gisela Elsner schaut, der wird zuerst Hannelore Elsner sehen, die in der „Unberührbaren“ jene Schriftstellerin spielt, die Roehlers Mutter nachempfunden ist, mit Kleopatra-Perücke und mächtigen Kajal-Balken.

          Es hat etwas Befreiendes

          „Ich musste einiges abarbeiten“, hat Roehler in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ vor zwei Jahren gesagt. Er hat damit öffentlich schon vor mehr als elf Jahren angefangen, als er „Die Unberührbare“ drehte, eine Fiktion, deren Rohstoff die letzten Tage im Leben seiner Mutter waren, die sich 1992 aus dem Fenster einer Psychiatrischen Klinik in München stürzte. Damals hieß diese Mutter Hanna und der Vater Bruno, jetzt heißen die Eltern Nora und Rolf, im Film hieß der Sohn Viktor, im Roman heißt er Robert, aber schon der Name Oskar ist ja einem Roman entliehen, der „Blechtrommel“, weil Roehlers Vater zeitweise Lektor von Grass war.

          Gewidmet hatte Roehler den Film seinem Vater, der 2000 verstarb. Der Roman ist niemandem gewidmet, und es mag sein, dass Roman wie Film auch eine spezielle Form von Psychotherapie sind, für die es keine Methode gibt und keine Erfolgskontrolle. Die entscheidende Frage ist, ob es ein gutes Buch ist. Und es ist nicht nur gut, es ist stark, es berührt, erschüttert, es klingt mal wie ein Aufschrei, mal wirkt es wie eine Vivisektion, es hat etwas Befreiendes, und es hat eine Sprache, die für all diese gefährlich schwankenden Gemütszustände den Ton und die Bilder findet.

          „Herkunft“ beginnt im Jahr 1949, in der pränatalen Welt des Erzählers. Ein Stück Familienarchäologie, eine Etappe in der Geschichte dieser Republik. Ein Blick voller Neugier und auch Empathie, auf den Großvater, den Kriegsheimkehrer, den Gartenzwergfabrikanten; auf den Vater, auf dessen Schriftstellerträume. Roehler hat die Orte der Vergangenheit noch mal bereist, die Briefe der Eltern gelesen, die 2001 unter dem Titel „Wespen im Schnee“ erschienen sind. Er hat sich vorgestellt, was war - und was hätte sein können. In glühenden Sätzen und in eisigen Beobachtungen, mal von Melancholie durchzogen, mal von unbändiger Lebensgier.

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