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Oskar Roehlers erster Roman : Das Logbuch des Entkommenseins

„Herkunft“ ist ein Logbuch des Entkommenseins: der Urszene, den endlosen Streitereien, den familiären Verwerfungen, der eigenen Ohnmacht, dem Umstand, dass Robert Mitte der siebziger Jahre in Berlin „vorübergehend der Drogendealer meiner Mutter (wurde). Ich schickte ihr billiges, polnisches Speed in Reclam-Heftchen, in die ich vorher mit der Rasierklinge Löcher geschnitten hatte.“ Selbst wenn nur diese 28,75 Prozent von alldem autobiographisch wären, kommt es einem beim Lesen wie ein mittleres Wunder vor, dass Oskar Roehler heute eine bürgerliche Existenz führt, dass er, durchs Kino und die Literatur, einen Weg gefunden hat, sich dem Strudel dieser „Herkunft“ zu entziehen.

Gegen Ende von „Herkunft“ klingen manche Sätze schon kathartisch: „Ich würde die Teile auflesen, ausgraben auf meiner langen Wanderung. Und eines Tages zusammensetzen.“ Und es ist dann eine so großartige wie großzügige Idee, wenn sich das Erzähler-Ich schließlich ganz leise aus seiner Geschichte davonstiehlt. Der Epilog gehört Lauras Mutter, und Laura, sie ist der wunde Punkt, die Kindheits- und Jugendliebe, die sich nicht in die Erwachsenenwelt hat retten lassen; sie ist so unvergessen wie unerreichbar in die Vergangenheit gefallen. „Doch dieses vor Glück strahlende Lächeln des jungen Mädchens, das voller Zuversicht und Hoffnung auf ihre große Liebe blickt, würde nie wieder auf das Gesicht ihres Kindes zurückkehren“ - das ist der letzte Satz des Buches, und er trifft einen Ton, der sehr lange nachhallt.

Eine ungeheure Wucht

Inzwischen heißt „Herkunft“ auch „Die Quellen des Lebens“, ist zum Drehbuch geworden, das zurzeit in Köln zum Film wird, mit Jürgen Vogel, Meret Becker, Moritz Bleibtreu und vielen anderen. Von einem solchen epischen Projekt, das mehr als drei Jahrzehnte Bundesrepublik umspannt, habe er schon lange geträumt, sagt Stefan Arndt, der das Neun-Millionen-Euro-Projekt für X-Filme produziert: als einen langen Kinofilm, aus dem anschließend ein Zweiteiler für ARD und Arte werden wird. Im Moment, sagt Arndt, 50, gebe es für seine Generation jeden Tag so peinigende wie erhellende Zusammenstöße mit der Vergangenheit, mit Schlaghosen und Plateausohlen, mit „Morning Has Broken“ und „I'd Love You to Want Me“, mit dem Klammerblues von damals, mit all den Dingen, an die nicht nur Arndt zuletzt Ende der siebziger Jahre gedacht hat.

Doch erst einmal ist da dieser Roman, der vielen deutschen Schriftstellern höllische Angst einjagen müsste - wenn Oskar Roehler nicht beschlossen hätte, weiter Filme zu machen, anstatt den Literaturbetrieb aufzumischen. In all seinen Unebenheiten hat dieser Roman eine ungeheure Wucht. Er schenkt einem das Vertrauen wieder, dass sich mit der Kraft der Sprache nicht nur ein Bild der eigenen Lebensgeschichte entwerfen lässt, in dem man sich mit Schrecken und mit Erleichterung wiedererkennt; sondern dass in diesem Bild auch wie von selbst das Porträt einer Generation durchschimmern kann.

Ein Buch, das die Welt zeigt, über die 1968 hereinbrach, und das zugleich die Karikatur, in die das Selbstverwirklichungsideal der 68er sich verwandelte, am Beispiel einer Jugend schmerzlich erfahrbar macht. Es ist ein Roman, der keinen faulen Frieden sucht mit den 68er-Eltern, der aber auch nicht dem selbstgerechten Furor verfällt, mit dem die 68er die Generation ihrer Eltern tribunalisierten. Er ist voller Schmerz, Leidenschaft und Trauer, voller Vitalität, pubertärer Todessehnsucht und trotzigem Überlebenswillen - weil er unbeirrbar dorthin geht, wo es weh tut. „Herkunft“ ist ein Roman, den jeder gelesen haben muss, der wissen will, wie wir Kinder der späten fünfziger Jahre zu denen wurden, die wir heute sind.

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