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Oskar Roehlers erster Roman : Das Logbuch des Entkommenseins

Von Anfang an ist der Ich-Erzähler da, aber er tritt zur Seite, fast zweihundert Seiten lang, in denen es um Großeltern und Eltern geht; wie Nora und Rolf einander kennenlernten, nach Luft ringend in den erstickenden Mittfünfzigern, in Nürnberg und im fränkischen Stein, am Fuße eines Bergs, der Walberla heißt. Aber es ist eben auch eine Suche nach sich selbst, nach dem irreversiblen Moment, in dem die Verliebtheit umschlug in eine amour fou. „Hier hätte mein Vater Rolf Freytag noch einmal die Gelegenheit gehabt, seinem Leben eine Wendung zu geben. Er tat es nicht.“ Und so kommt der Erzähler zur Welt, das Kind, das die Mutter nicht wollte, das sie, im Roman, dem Vater unterschob, was sie dem Sohn später, an einem Abend im „Hofbräuhaus“, als sie politisch, literarisch längst gescheitert war, erzählen musste, unbedingt. Und dagegen steht die Erinnerung des Dreijährigen, „wie meine Mutter vorher im Fahrstuhl geisterhaft verschwunden war, einfach so, ohne etwas zu sagen, ein dunkles Mysterium meiner Kindheit. Ich habe sie seither nie wieder als meine Mutter gesehen.“

Das Kind Robert wird nach der Scheidung abgestellt bei den Großeltern väterlicherseits, aber auch gerettet, es geht für kurze Zeit auf in dem, was ihm später als fränkische Idylle erscheint: „Man pilgerte nach Hause und fraß, was nur ging. Viele Jahre später wird dem Erzähler dieses Leben ungeheuer dicht, ungeheuer gleißend und verheißungsvoll vorkommen. Näher wird er sich vielleicht nie mehr gekommen sein.“ Dann holt der Vater ihn zu sich, nach Berlin, Robert wird zum Schlüsselkind, das sich herumtreibt, verwahrlost, weil der Vater Frauen aufreißt, zecht, den Siebenjährigen durch den Friedenauer Literaturbetrieb der mittleren Sechziger schleift. Ein Kind, das immer mit dem Gespenst der Trennung lebt: „Schemenhaft wirkten nun die Beteuerungen, dass das, was geschah, nur das Beste für uns sei. In ein trügerisches Licht geriet allmählich jede vertrauenerweckende Geste von früher, jedes Lächeln, jedes sanfte Streicheln des Kopfes, jedes Abendbrot, jeder Spaziergang.“

Die Eltern der Mutter holen ihn aus dem Berliner Sumpf, in die Nürnberger Villa mit dem nierenförmigen Pool, der scheiternden Schwester, der Migräne der Großmutter. Er wird ins Internat geschickt, das der Vater, längst zum „Phantom“ geworden, nicht bezahlen will. Es ist ein einziges Hin- und Hergeschobenwerden, ein Umherirren, aus dem der Wunsch nach Symbiose, nach Zugehörigkeit erwächst, die er in den Nachbarsfamilien sucht. Und die er bei Laura findet, der Nachbarstochter in Stein: „Ich erwartete nichts von ihr, außer dass sie immer für mich da war.“

Drogendealer seiner Mutter

Roehlers Blick ist so genau und scharf, dass er unbarmherzig erscheinen könnte, wenn er die Aufsteiger-Spießer-Hölle beschreibt, die Anfälle von Zerstörungswut schildert, die Rachewünsche grell ausleuchtet. Aber es ist eher ein Aushalten, die Entschlossenheit, sich nicht abzuwenden. Seine Augen, könnte man sagen, bleiben trocken, ohne die Tränen des Selbstmitleids, die den Blick verschleiern würden. So kommt das Monströse zum Vorschein, das Obszöne, das Abseitige, Peinliche, Schamvolle, das immer auch in Roehlers Filmen war - wie ein fernes Echo aus den Romanen der Mutter, deren Spießbürger-Satire „Die Riesenzwerge“ (1964) sie zum frühen Fräuleinwunder des Literaturbetriebs machte. „Ich musste irgendwann aus mir hinaus und in der Welt einen Graben ausheben, tief genug, meine Eltern für immer verschwinden zu lassen, eine Schlucht.“

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