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Oskar Pastior und die Securitate : Schluchten des Argwohns

Der schuldlos schuldige Pastior

Pastiors IM-Akte, die sich im Bukarester „Archiv des Nationalrates zum Studium der Securitate-Akten“ (CNSAS) befindet, sei ungewöhnlich, sagt Wichner. Sie versammele auf 214 Seiten nur Material, das gegen den Dichter und seine Familie hätte verwendet werden können. Pastior sei umstellt gewesen von Informanten, darunter seit 1957 einige seiner Lehrer, und er habe zu Recht befürchten müssen, wieder verhaftet zu werden. Eine genaue Skizze seiner Wohnung befindet sich in der Akte, die Namen all seiner Besucher und Kopien der abgefangenen Briefe.

Bis zu seinem Tod hielt sich Pastior für „schuldlos schuldig“ an vielem, was er nicht aufklären konnte, das aber als Erpressungsmaterial diente. So wähnte er sich mitschuldig an der Tragödie einer Jugendfreundin, die seine antisowjetischen Lager-Gedichte versteckte und 1959 verurteilt wurde. Dass es andere Gründe waren, die zu ihrer Verhaftung führten, wie die Akten jetzt offenbaren, hat er nicht mehr erfahren.

Mitarbeit durch Erpressung

Die mageren Berichtsfunde sind nur einzuordnen, wenn man sich die Situation vergegenwärtigt, in der sich der ehemalige Lagerhäftling Pastior und sein Freundeskreis in den späten fünfziger Jahren befanden. Stefan Sienerth (München), der an einer literaturhistorischen Studie über diesen privaten Zirkel arbeitet, rekonstruiert ihn nicht nur aus den Akten, sondern auch aus den Werken der Freunde, Zeitschriften und Fachliteratur. Die Geheimakten jedoch, so Sienerth, dokumentierten am eindeutigsten diese literarische Periode.

In Berlin skizzierte er auch die Vorgeschichte: die großartigen Lehrer, zumeist jüdische Intellektuelle, die Pastior, Georg Hoprich, Ingmar Brantsch, Dieter Fuhrmann und andere in Bukarest fanden; die Schauprozesse, die nach dem niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand 1956 die Bevölkerung einschüchterten - ein Instrument, das man auch bei den Bukarester Studenten und späteren Schriftstellern anwenden wollte. Einige von ihnen hat man mit dieser Drohung zur Mitarbeit erpressen können, auch Oskar Pastior; andere weigerten sich. Aber auch Sienerth betont, dass es der Securitate trotz immensen Aufwandes nicht gelungen sei, die Freunde aufeinander anzusetzen.

„Mir ist die Sprache zerbrochen“

Als Pastior 1968 von einer Reise in den Westen nicht mehr nach Rumänien zurückkehrte, ließ ihn die Securitate als Informanten streichen. Er sei als solcher lustlos und unzuverlässig gewesen und „seinen Verpflichtungen nur auf formale Weise nachgekommen“, sollte darum auf die „Arbeitsebene“ überführt werden. Man schickte ihm also verschiedene Spitzel hinterher. Der in Deutschland so intensiv diskutierte Fall Pastior habe in Rumänien kaum jemanden interessiert, sagte die Publizistin Corina Bernic aus Sibiu, die in den Securitate-Archiven forscht. Auch sie bestätigt, dass die Kommentare der Führungsoffiziere zu den Spitzelberichten und die Intensität, mit der sie geliefert wurden, ein Urteil über den Wert eines IM erlauben. „Stein Otto“ habe, anders als Dieter Schlesak behauptete, zu den unbrauchbaren Quellen gehört.

Ob sich in Pastiors Gedichten Spuren dieser verzweifelten Jahre vorder- oder untergründig finden lassen, wird die Literaturwissenschaft noch lange beschäftigen. Herta Müller hat sie, die frühen wie die späten, nie anders gelesen, weil sie wusste, woher ihr Dichterfreund kam. Jeder Künstler verstecke und offenbare sich zugleich in seinem Werk, sagte sie jetzt im Literaturhaus. „Mir ist die Sprache zerbrochen im Lager“, habe Oskar Pastior ihr hundertmal gesagt, eine neue musste er sich also erfinden. Er sei ein „Verurteilter im Freigang“ geblieben, der um sein Leben schrieb. Seine Securitate-Verstrickung jedoch, erinnerte Herta Müller, habe Pastior nach seiner Flucht 1968 nicht ohne Grund einer offiziellen Institution, dem Geheimdienst, anvertraut. Dort sei er den „ekelkomplex“ losgeworden und damit nicht mehr erpressbar gewesen. „Ich aber bin froh, dass er es mir nicht gesagt hat“, erklärte sie den überraschten Zuhörern, „ich hätte ihm doch, nach meinen eigenen Erfahrungen, damals nicht geglaubt!“ Am Ende hätte sie ihm die Freundschaft aufgekündigt, unverzeihlich, nachdem nun die Akten offenliegen.

Oskar Pastiors Gedicht „Die Karte“

So wie Städte, Flüsse, Straßen und Betriebe
müßten auch unsre Gewohnheiten
namentlich eingetragen sein
auf einer komplizierten Karte,
Hier entspringt die schnelle, hier die kleine Geduld.
dies sind die Föhren mit dem Kopf in den Wolken,
dies die Schluchten des Argwohns.
An dieser Stelle wird nach Gewissenhaftigkeit gebohrt
und hier, diese dichtbesäten Flächen bedeuten,
daß man versucht, Dinge gemeinsam zu lösen.
Es gibt noch weiße Stellen.
Auch Überschwemmungsböden,
auch Flugsand.
Der große Viadukt des Vertrauens fehlt natürlich nicht,
auch nicht die kleinen Brückchen, die den
Übergang aus der Region des Gehorsams
in die der fröhlichen Disziplinen erleichtern.
Selbst Fußspuren sind eingetragen und in der Legende benannt:
diese gingen über Menschen,
diese gingen hinter den Menschen,
diese über den Menschen
hinaus.

 

Im Amt für Statistik
sind so viele begabte Graphiker damit beschäftigt,
täglich diese Karte umzuzeichnen.
Dabei wird sie präziser,
aber auch geschlossener,
lesbarer im ganzen,
tiefer im Detail.
Sie ähnelt schon dem Bild,
das ich mir ins Zimmer hängen möchte,
und eben deshalb
wart ich immer wieder
die morgige ab.

 



 

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