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Oskar Pastior und die Securitate : Die späte Entdeckung des IM „Otto Stein“

  • -Aktualisiert am

Der Dichter als junger Mann: Oskar Pastior, Anfang der sechziger Jahre Bild: Werner StreyDLA-Marbach, www.dla-marbach.de

Büchner-Preisträger Oskar Pastior hat in den sechziger Jahren für den rumänischen Geheimdienst gearbeitet. Ernest Wichner, sein langjähriger Freund und bester Kenner seines Werks, hat Pastiors Securitate-Akte für uns gelesen.

          In Oskar Pastiors Bukarester Securitate-Akte (R 249.556) findet sich eine handschriftlich verfasste und ebenso unterschriebene Verpflichtungserklärung vom 8. Juni 1961: „Unterzeichneter Pastior Capesius Oskar Walter, geboren am 20. Oktober 1927 in Hermannstadt, von Beruf Reporter, zur Zeit beim Rundfunk beschäftigt, wohnhaft in Bukarest, habe im Rahmen der Untersuchung zugegeben, Gedichte feindlichen Inhalts geschrieben und diese bei verschiedenen Personen verbreitet zu haben. Mir ist bewusst, dass diese meine Tätigkeit strafbar ist, und ich bitte die Organe der Securitate um die Möglichkeit, mich zu rehabilitieren und durch konkrete Taten meine Aufrichtigkeit und Loyalität gegenüber dem demokratischen Regime in der RVR zu beweisen. Ich werde alle Anstrengungen unternehmen, um dem Regime feindlich gesonnene Elemente zu entlarven. Die Informationen werden ehrlich und objektiv sein, und ich werde nichts von dem, was ich erfahre, verbergen, unabhängig von der Person. Die Informationen werden schriftlich sein, und ich werde sie mit Stein Otto unterzeichnen. Ich werde die mir anvertrauten Geheimnisse niemand anderem anvertrauen, und im Falle der Nichtbefolgung dieser Verpflichtung bin ich einverstanden, entsprechend den Gesetzen der RVR bestraft zu werden.“

          Und als reichte dies nicht, wird unter dem gleichen Datum noch eine weitere Verpflichtungserklärung hinzugefügt, die sich lediglich auf die Verschwiegenheitspflicht und die Zustimmung zur Strafandrohung bezieht. Allerdings hatte die Securitate längst festgestellt und in einem Bericht notiert, dass Oskar Pastiors Vergehen keineswegs zu einer Verhaftung mit anschließender Verurteilung führen konnte, da solche Vergehen mittlerweile amnestiert worden waren. Ihm gegenüber hat man dies jedoch verschwiegen und ein Vergehen konstruiert. Aber worin bestand das ursprüngliche Vergehen?

          Das Hauptinteresse der Securitate

          Oskar Pastior war Ende 1949 nach fünf Jahren Zwangsarbeit im Donbass nach Hermannstadt zurückgekehrt. Dort hat er 1951 sein Abitur gemacht, anschließend seinen Dienst beim rumänischen Militär abgeleistet und in einer Baufirma gearbeitet. Als er 1955 – mittlerweile mit der Malerin und Bühnenbildnerin Roswith Capesius verheiratet – Hermannstadt verließ, um in Bukarest Germanistik zu studieren, hinterließ er Grete Löw, einer Arbeitskollegin aus der Baufirma, ein Konvolut mit Gedichten zur Aufbewahrung. Diese aber las die Gedichte, darunter auch etwa fünf, die von den alltäglichen Erfahrungen des Deportierten in den sowjetischen Lagern handelten, Freundinnen und Bekannten vor, fertigte eine Abschrift an und ließ diese sogar einbinden. Als Grete Löw dann im Herbst 1958 aufgrund von Kontakten zu einem österreichischen Reiseleiter, der ihr Nachrichten von ihrem in Österreich lebenden Bruder und ihrer in Deutschland lebenden Mutter überbracht hatte, unter Beobachtung durch die Securitate geriet und als Mitarbeiterin angeworben werden sollte, erfuhr der Geheimdienst auch von Oskar Pastiors Gedichten feindlichen, weil antisowjetischen Inhalts.

          Dass ihn diese Gedichte in Gefahr bringen könnten, hatte Oskar Pastior wohl gewusst, denn er hatte sein eigenes Manuskript vernichtet und war im Herbst 1957 noch einmal nach Hermannstadt gereist, hatte Grete Löw aufgesucht und sie gebeten, den Gedichten, in denen seine Lagererfahrungen behandelt wurden, neue Titel zu geben und als Autorenname „Otto Hornbach“ darüber zu schreiben – damit es so aussehe, als handele es sich um Gedichte eines jüdischen Lagergefangenen aus einem deutschen Konzentrationslager. Grete Löw hatte seinem Wunsch entsprochen, die Gedichte wohl zeitweilig auch unter Verschluss gehalten, doch hin und wieder ihren Freundinnen auch daraus vorgelesen. Dies sowie die Tatsache, dass sie sich jedem Anwerbungsversuch der Securitate verweigert hatte – und dieses war wohl das Hauptinteresse der Securitate –, sollte ihr zum Verhängnis werden. Im August 1959 wurde sie verhaftet und schon knapp einen Monat später vom Militärgericht Kronstadt zu sieben Jahren Besserungshaft verurteilt.

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