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Oliver Sacks zum Achtzigsten : Die Störung als Auszeichnung

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Berühmt machte ihn 1973 sein Erstlingswerk „Awakenings“: Oliver Sacks Bild: dpa

Das ist das große Geheimnis von Sacks’ Universum: Krankheiten, Abweichungen, Störungen sieht er als Auszeichnungen an. An diesem Dienstag wird der Erzähler unter den Neurologen achtzig Jahre alt.

          Kein Artikel zu Oliver Sacks, dem Neurologen und Bestsellerautor, sollte jemals publiziert werden, in dem nicht wenigstens eine klitzekleine Fallgeschichte vorkommt, sei sie auch noch so kurz. Natürlich eine, die von Sacks stammt: Auf Youtube kann man ihm zuhören, wie er den Fall einer blinden Frau erzählt, die, fünfundneunzigjährig, plötzlich an Halluzinationen leidet. Sie sieht Menschen in orientalischen Gewändern, die eine Treppe hoch- und runterlaufen, einen lächelnden Mann, Tiere, ein Gebäude, Schnee. Es sei, sagte die Frau, wie ein Film, ein langweiliger Film allerdings. Und natürlich bereiten ihr die Bilder Sorgen.

          Ob sie verrückt geworden sei, wollte sie von Oliver Sacks wissen. „Alles in perfekter Ordnung“, antwortete dieser, lächelnd, fast beglückt, mit seinem unnachahmlichen englischen Akzent, den er beibehalten hat, obwohl der 1933 in Oxford Geborene inzwischen seit fast einem halben Jahrhundert in New York lebt. Sie habe das „Charles-Bonnet-Syndrom“, eine neurologische Störung, die zu Trugwahrnehmungen führe und die nach dem berühmten Schweizer Naturforscher benannt sei. Und dann lässt Sacks, der große Erzähler, eine entscheidende Geste folgen: Er richtet sich im Stuhl auf, als ob ihm ein Orden an die Brust geheftet werde. „Sagen Sie allen Krankenschwestern“, gibt er die alte Dame in dieser Haltung wieder, „dass ich das Charles-Bonnet-Syndrom habe.“

          Das ist das große Geheimnis von Sacks’ Universum: Krankheiten, Abweichungen, Störungen sieht er als Auszeichnungen an, über deren Entdeckung er sich freut, wie ein Forscher, der in der dunklen Tiefsee eine weitere Art aufspürt und beschreibt. Seine Arbeit als Neurologe und Psychiater an diversen Universitäten und Krankenhäusern in den Vereinigten Staaten ist mit dem Schreiben eng verbunden. Berühmt machte ihn 1973 sein Erstlingswerk „Awakenings“, das von der rätselhaften Schlafkrankheit handelt; es wurde 1990 mit Robert de Niro verfilmt, der deutsche Titel lautet „Zeit des Erwachens“. Sacks hat über Migräne geforscht und geschrieben, über „den Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, über die Wirkung von Musik und zuletzt über Halluzinationen. An diesem Dienstag wird der Literat unter den Medizinern achtzig Jahre alt.

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