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Schriftstellerin Iris Hanika : Das Wilde ist das wahre Mehr

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Mit „Echos Kammern“ gewinnt sie den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Belletristik: Iris Hanika. Bild: dpa

Avantgarde wagen: Die Schriftstellerin Iris Hanika hat zurzeit die „Translit“-Dozentur der Universität Köln inne. Sie wirbt mit Verve für eine Poetik offener Formen.

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          Was kann Literatur heute noch überschreiten? Nur sich selbst. Wie das funktioniert, untersuchen im Rahmen der „Translit“-Dozentur der Universität Köln die Schriftsteller selbst. Nach Marcel Beyer, Felicitas Hoppe, Thomas Meinecke und Kathrin Röggla, allesamt Autoren, zu deren Werken mediale Transformationen genuin dazugehören, hat zurzeit Iris Hanika diese spezielle Poetikdozentur inne. Was sie dazu qualifiziert, ist angesichts ihrer Veröffentlichungen unmittelbar einsichtig: Eine Innenschau der Psychoanalyse gehört ebenso dazu wie journalistisch Sachhaltiges, viel geographisch verortete und musikologisch geweitete Prosa, mit der sich durch ihre Wahlheimatstadt Berlin navigieren ließe, mehrere chamäleonhaft die Form wechselnde, zitatenpralle Romane, von denen der bekannteste, „Treffen sich zwei“ (2008), auch verfilmt wurde. Das jüngste Buch der im interessantesten Sinne postmodernen Erzählerin, in dem es im Sattel des Pegasos bis nach New York geht, verwendet mitunter ein poetisches Denglisch. „Echos Kammern“ wurde mit dem Hermann-Hesse-Literaturpreis ausgezeichnet und ist für den Leipziger Buchpreis nominiert.

          Da durfte man sich in Köln zunächst wundern, dass Hanika, bekanntlich eine der wackersten Verteidigerinnen des alten „ß“ (in Worten wie „daß“ und „muß“), ihre eigene Poetik vehement als eine der Schreibstube verteidigte: „Ich lege Wert darauf, mich im Reich der Schrift zu bewegen und es niemals zu verlassen.“ Nicht einmal zum Vorlesen seien ihre Texte geeignet. Die hier anklingende Kulturkritik fand schnell zu der apodiktischen Formulierung, es brauche im audiovisuellen Zeitalter keine erlernte Kulturtechnik wie das Lesen mehr, um am Kulturleben teilzunehmen. Zwar sei schon die Literatur der klassischen Moderne, von der wiederum Hanikas Werk stark beeinflusst ist, von Film und Radio fasziniert gewesen, aber damals, so ließ sich eine Andeutung verstehen, sei es darum gegangen, wie diese Medien der Unmittelbarkeit Eingang in die Schrift finden könnten.

          Auch ein Gespür für Rhythmus und Melodien ist für Hanika noch keine Überschreitung, sondern „Grundvoraussetzung der Literatur“, weil alle Kunst unablässig den Zustand der Musik anstrebe, wie die Autorin mit dem viktorianischen Kunstkritiker Walter Pater konstatierte. Transgressiv wird es für sie bei der Verschaltung mit dem Leben. Das habe viel mit Faktentreue zu tun und reiche in die Wirkungsästhetik hinein. Mit Kafka und Büchner bekannte sich Hanika zur Überwältigungsforderung: Literatur solle mehr Schädelspaltung denn Zeitvertreib sein. Romantisch ging es auch weiter mit der Sehnsucht nach einem „wilden Buch“, in dem nach dem Modell der (gedruckten!) Zeitung alles nebeneinanderstehe. Durch wilde Formenvielfalt würden dabei Erfahrungen generiert, die der multisensorischen Wahrnehmung ähnelten, aber doch „einen Zusammenhalt“ hätten: jenseits der Story allerdings, nämlich in den Fakten und in der Sprache. Alfred Döblin hätte es nicht klarer gesagt.

          Aus „Wirklichkeit“ wird „Wahrheit“

          Über weitere Stufen – vom poetischen Trieb (Roland Barthes) bis zum antigenieästhetischen Lob des Schreibhandwerks (Stephen King) – führte dies zur Kernbotschaft von Hanikas poetologischer Selbstverortung: (Große) Literatur verwandele „Wirklichkeit“ in „Wahrheit“. Wie das ablaufe, wisse sie nicht. Vermutlich geschehe es, mit Puschkin gesprochen, „so nebenbei“. Zu bemerken sei es jedoch „an der körperlichen Reaktion auf die Lektüre“. Die Geschichte, die ein Buch erzählt, sei jedenfalls nur ein Gerüst; dazwischen rauschten die Wörter, und eben diese Quasimusik hält Hanika für die Essenz eines Romans. Ihre Bücher sind starke Zeugen für diese Position: Es geht in ihnen fast immer um das, was mitläuft, um Assoziationsräume und offene Deutungshorizonte, die mittels unerwarteter Zitate für zeitenthobene Momente ferne Denkwelten zusammenführen.

          Dass viele Verfilmungen eher das Gegenteil tun, nämlich die Wahrheit einer Erzählung in schnöde Wirklichkeit zurückentzaubern, indem sie sich am Inhalt entlanghangeln, scheint der wichtigste Grund dafür zu sein, warum Hanika in ihrem zweiten Vortrag mit Ulrike von Ribbecks Umsetzung von „Treffen sich zwei“, die das ZDF „eine junge und lebensnahe Komödie“ nennt, hart ins Gericht ging. Bei ihren einzelnen Kritikpunkten – Clemens Schick könne mit Nicolette Krebitz nicht mithalten und spiele den geforderten Technokraten schlecht; die vielen Sexszenen vereindeutigten, was im Buch Ausgänge in unzählige Genres biete – zeigte sich die Autorin jedoch kulant. Im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Claudia Liebrand, die die feine Ironie des Films herausstellte, und dem Filmkritiker Bert Rebhandl, der eher strukturelle Probleme durch die Transponierung in ein weiblich konnotiertes Genre ohne die im Buch angelegte Augenhöhe der Beteiligten sah, gestand sie ein, die gemeinsam angesehenen Szenen heute doch recht amüsant und „schon okay“ zu finden.

          Was Hanika von guten Verfilmungen erwartet, ist jedoch wiederum Wildheit. Gemeint war damit, die Essenz einer literarischen Vorlage in ganz neuer Weise zu konzeptualisieren, so wie es in „Apocalypse Now“ geschehen sei. Es geht ihr also nicht um trockenes Kulturfernsehen, in dem dann Kleist-Zitate durch die vierte Wand hindurch gesprochen werden, sondern um den Mut, das Spiel mit den Formen aufzunehmen, um eine Art neues, besseres Autorenkino. Eine solche Erwartung an den in seinen Konventionen erstarrten öffentlich-rechtlichen Fernsehfilm zu stellen war die eigentliche Überschreitung an diesem Abend. Mit Netflix und Konsorten hatte ein derart wildes Fernsehen der Transgression vielleicht kurz eine Chance, aber auch diese Tür hat sich wieder geschlossen. Wir bekommen, was wir wollen, weil wir wollen, was wir bekommen. Das gilt auch für die Literatur. Iris Hanika ist die Ausnahme, der Besen im System.

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