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Leseempfehlung ans jüngere Ich : Was Nora Gomringer sich geraten hätte

  • -Aktualisiert am

Trau dich, zu tanzen und zu singen! Das kannst du eigentlich ganz gut. Bild: Tobias Schmitt

Wer in Oberfranken lebt, kann sich ein Meer vor der Haustür wirklich nicht vorstellen. Leseempfehlung an mein jüngeres Ich.

          Klopf, klopf, hallo? Wer ist da? Äh, ich. Also du. Liebes jüngeres Ich. Ich spreche dich mal ganz behutsam an. Du bist ja schnell gereizt, und leise muss man auch sprechen, weil man dir sonst die Folge von Star Trek „Next Generation“ verdirbt. Du siehst recht viel fern. Ich erwische dich in deinem zwölften Lebensjahr. Da liest du praktisch nichts. Die Phase mit dem Vorlesen, also mit der Mutter im Schaumbad, die in der einen Hand elegant die Zigarette mit Spitze raucht und das Märchenbuch, Sommer-Bodenburgs „Kleinen Vampir“, Nöstlingers „Gretchen Sackmaier“, Heine- oder Rückert- Gedichte am Badewannenrand jongliert und daraus vorliest, diese Phase ist vorbei.

          Selbst liest du schneckenlangsam und selten TKKG-Bücher, träumst davon, so eine Bande zu haben und natürlich das sexy Mädchen zu sein, das noch gar nicht weiß, dass es sexy ist, so blond und lang und dünn und nicht ganz doof, wie sie ist, „die Gabi“. Gelesen hast du selbst zahllose Gedichte und bringst dich selbst irre gerne zum Heulen mit Balladen, die du auch auswendig lernst, das aber nur der Mutter sagst. Ach, Kästners „Pünktchen und Anton“ und auch „Der 35. Mai“ sind dir eingegangen, aber schon die Schullektüre „Insel der blauen Delphine“ ist dir sehr seltsam vorgekommen.

          Lies mehr, lies vor allem die Russen!

          Wer in Oberfranken lebt, kann sich ein Meer vor der Haustür wirklich nicht vorstellen, obwohl – die Mauer ist gefallen. Viel zunächst noch Fremdes brandet dir an den Kopf. Du hast ein bisschen auf die Klassiker in der Schule gewartet und dir dann selbst den „Mary Shelleys Frankenstein“ und den „Bram Stokers Dracula“ beschert. Nie hast du Comics gelesen, „Asterix & Obelix“ einfach links liegenlassen. Ich, achtunddreißigjährig, die ich nun mitten in allem eingebuddelt stehe manchmal, also mehr arbeite, als ich vielleicht vertrage, will dir raten: Lies mehr, lies vor allem die Russen! Die Franzosen! Lies Balzac und Baudelaire, lern Französisch neben deinem geliebten, dusseligen Griechisch! Und vor allem: Geh schon jetzt mehr ins Theater! Der „Faust“, den du mit vierzehn am Theater in Hof siehst, wird dich tief prägen. Du wirst dich vor allem an die Figur des Wagner erinnern und dir manchmal vorstellen, er zu sein. Ein Sammler, ein Eiferer und Enzyklopädist.

          Und finde doch schneller zur großartigen Janet Frame, und lies früher, wen deine Mutter dir so fest ans Herz legt: Ruth Klüger, Fanya Fenelon, Alfred Kerr. Und schau mehr in deine Klaviernoten! Das nützt dir später wirklich für die Arbeit im Künstlerhaus! Da siehst du Partituren und musst entscheiden, ob man die Stücke aufführt, ob sich der Aufwand wirklich lohnt. Ach du, jüngeres Ich, ich lasse dich. Das machst du schon. Trau dich, zu tanzen und zu singen! Das kannst du eigentlich ganz gut. Aber jetzt lass ich dich mit „Energie!“ – wie dein Vorbild sagt.

          Die Verfasserin, geboren 1980, ist Schriftstellerin und Direktorin des Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg.

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