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Nobelpreisträgerin Herta Müller im Interview : Die Akte zeigt Oskar Pastior umzingelt

  • Aktualisiert am

Herta Müller, geboren 1953 in Nitzkydorf im Banat, ist die sprachmächtigste Kritikerin der rumänischen Diktatur Bild: Rainer Wohlfahrt

Das Leben des Dichters Oskar Pastior hat Herta Müller zu ihrem viel gerühmten Roman „Atemschaukel“ inspiriert. Im Interview mit der F.A.Z. erzählt sie, wie sich durch die Enthüllungen von Pastiors Spitzeltätigkeit ihre Sicht auf den Freund und Büchner-Preisträger verändert hat.

          Frau Müller, wann und wie haben Sie erfahren, dass Oskar Pastior von 1961 bis 1968 für den rumänischen Geheimdienst gearbeitet hat?

          Nach Oskar Pastiors Tod fanden sich beim Aufräumen der Wohnung zwischen unzähligen Papieren einige Notizzettel: Er habe sich 1968 bei der Einreise den deutschen Behörden restlos anvertraut. „Reinen Tisch machen“ schreibt er. Da dachte ich mir schon, es muss ja was zum Anvertrauen gegeben haben. Der Inhalt war enigmatisch. Vor einigen Wochen erfuhr ich dann von Stefan Sienerth, einem Historiker aus München, der auch aus Siebenbürgen kommt, von dem IM Oskar Pastior. Er hatte die Akte gefunden. Daraufhin beschloss die Oskar Pastior Stiftung, die Dinge zu klären. Ernest Wichner fuhr zur Bukarester Behörde, um die Akte einzusehen.

          Was war Ihre erste Reaktion auf den Inhalt?

          Meine erste Reaktion war Erschrecken, auch Wut. Es war eine Ohrfeige. Je genauer mir Stefan Sienerth und jetzt Ernest Wichner die Einzelheiten schilderten, umso mehr überkam mich das Gruseln. Die Akte zeigt wie ein finsteres Gemälde das Rumänien der fünfziger und sechziger Jahre. Die Gefängnisse waren voll. Der aus dem Lager heimgekehrte Pastior, Kistennagler und Bauarbeiter, konnte endlich in Bukarest studieren. Er wollte wieder in die Normalität, mit einem müden, sturen Eigensinn sein Leben selbst in die Hand nehmen. Aber es wurde ihm wieder konfisziert. Die Akte zeigt ihn von allen Seiten umzingelt. Auch mehrere Hochschullehrer bespitzeln ihn. Der Hauptspitzel steigert sich in die Denunziation hinein. Seine Berichte sind so gemein, dass es einen schaudert. Er war homosexuell, wie Pastior. Man fragt sich, ob er Rache nimmt aus persönlichen Gründen. Nach dem Überleben des Arbeitslagers wurde Pastior zum Staatsfeind, weil er für fünf Jahre Qual an die sieben Gedichte darüber schrieb, Gedichte, die er innerlich so nötig hatte. Aus diesen Lager-Gedichten hat man ihm den Strick gedreht: „antisowjetisch“, das reichte. Um sich vor der Verhaftung zu schützen, hat Pastior eine IM-Erklärung unterzeichnet. Aus dem Lager heimgekehrt wurde er statt frei vogelfrei. Meine zweite Reaktion auf den IM Pastior war Anteilnahme. Und je länger ich die Details hin und her drehe, umso mehr wird es Trauer.

          Die Sprache ist ihm zwei Mal zerbrochen: Oskar Pastior

          Oskar Pastior selbst hat Ihnen davon also nie erzählt? Auch nicht in den Gesprächen zu „Atemschaukel“?

          Dass er nach der Heimkehr aus dem Lager und alle Jahre danach täglich gehetzt lebte, aus Angst, wegen Homosexualität verhaftet zu werden, hat er erzählt. Es wurden immer wieder Homosexuelle, die er kannte, geschnappt. Das hat er mir oft gesagt. Aber nie, dass er wegen Gedichten übers Lager ins Visier geraten war. Wir haben nur über Tausende Einzelheiten des Lageralltags gesprochen. Und das hat wahrlich gereicht. Es hat ihm so viel abverlangt, dass ich oft besorgt war, er könne die Genauigkeit, zu der er sich zwingt, nicht verkraften. Aber sein Erinnern war ein Bedürfnis, die fast monströse Genauigkeit der Lagerbilder hauste seit sechzig Jahren in seinem Kopf. Er durfte endlich zugeben, dass das Lager immer noch in seinem Kopf zappelte. Er wollte so sehr, dass dieses Elend mal beschrieben wird.

          Sie waren sehr eng befreundet. Nehmen Sie ihm sein Schweigen übel?

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