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Nobelpreisträgerin Herta Müller : Die Liebe ist mir in den Kopf gewachsen

  • -Aktualisiert am

Herta Müller nimmt den Literaturnobelpreis aus der Hand des Königs entgegen Bild: dpa

Ihre Bücher hätten ja wohl den Preis bekommen, hat sie gesagt, aber zur Übergabe musste sie selbst erscheinen: Souverän zieht sich Herta Müller in Stockholm aus der Staatsaffäre.

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          Herta Müller setzt das Protokoll außer Kraft. Diese Wirkung ihrer Persönlichkeit ließ sich in den vergangenen Tagen in Stockholm immer wieder erleben. Wo sie auftauchte, waren die Menschen gebannt von der Intensität dieser Autorin und ihrer Literatur. Da bildete auch das schwedische Königshaus keine Ausnahme. Die Audienz Guido Westerwelles, der auf seinem Weg nach Helsinki einen noblen Zwischenaufenthalt in Stockholm eingelegt hatte, bei Carl XVI. Gustaf und seiner Familie war recht bald vorüber; nach kurzer Zeit tauchte der deutsche Außenminister wieder aus der Loge der Majestäten auf.

          Ganz anders Herta Müller. Obwohl die einzelnen Nobelpreisträger nach dem Essen laut Protokoll höchstens eine private Viertelstunde mit der Königsfamilie verbringen dürfen, bleiben sie und ihr Mann Harry Merkle gut eine Stunde hinter dem Blättervorhang und dem Spalier schwedischer Studenten, das diese Zusammenkünfte abschirmt. Als die Schriftstellerin endlich auftaucht und von ihren wartenden Freunden erstmals seit der Preisverleihung gut sechs Stunden zuvor beglückwünscht und umarmt werden kann, ist sie so aufgekratzt, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan, als sich mit Staatsoberhäuptern und Monarchen darüber auszutauschen, wie widerlich Ceausescu war, der nicht nur jahrzehntelang in Rumänien, sondern offenbar einmal auch bei einem Staatsbesuch in Schweden einen unsäglichen Eindruck hinterlassen haben muss.

          Der Beifall wollte nicht enden

          Bereits bei der Nobelvorlesung am Montagabend waren sich viele Zuhörer einig, kaum je einer so berührenden, vielschichtigen und zugleich das Wesen der eigenen Poetik unmittelbar erfassenden Ansprache eines Preisträgers beigewohnt zu haben (siehe Literaturnobelpreis: Das Taschentuch der Herta Müller). Zur Preisverleihung im Stockholmer Konzerthaus, wo Herta Müller am Donnerstag als zwölfte Autorin der Literaturgeschichte den Nobelpreis erhielt, hob der Laudator Anders Olsson jene Sprachenergie hervor, die jeden Leser ihrer Werke von der ersten Zeile an zum Verbündeten mache. Man spüre, hier gehe es um Leben und Tod.

          Die Nobelpreisurkunde mit der Box für die Medaille
          Die Nobelpreisurkunde mit der Box für die Medaille : Bild: dpa

          Als Herta Müller die rote Lederschatulle mit der Medaille und die Urkunde aus der Hand des schwedischen Königs entgegengenommen hatte und sich entsprechend dem Zeremoniell durch angedeutete Verbeugungen zu den Mitgliedern des Könighauses, der Schwedischen Akademien und zum Publikum bedankte, wollte der Beifall nicht enden.

          Seine besondere, in Stockholm stets gegenwärtige Aura verdankt der Literaturnobelpreis der Stellung der Schwedischen Akademie, die seit hundertacht Jahren den Preisträger bestimmt und für ihre ästhetische Unbeirrbarkeit respektiert und gefürchtet ist. Als einzige der verschiedenen mit den Nobelpreisen befassten Wissenschaftsinstitutionen ist sie finanziell wie politisch vollkommen unabhängig und bestimmt ihre achtzehn auf Lebenszeit ernannten Mitglieder allein. Die Wahl des Nobelpreisträgers sei nur eine ihrer Aufgaben, erklärt beim Festbankett Horace Engdahl, der als Ständiger Sekretär in den vergangenen zehn Jahren Aushängeschild und Feindbild zugleich abgeben musste. Das ehrenvolle, aber auch anstrengende Amt ist jetzt auf Peter Englund übergegangen.

          Bitte nicht in Nähe des Königs!

          Seit langem gilt der 10. Dezember als eine Art zweiter schwedischer Nationalfeiertag. Gut zwei Millionen Menschen verfolgen die Preisverleihung und das anschließende Festbankett im Fernsehen; viele machen sich dazu sogar ähnlich fein wie die Gäste und kochen ein besonderes Menü. Das goldumrandete Porzellan, von dem die gut fünfzehnhundert Gäste in der Blauen Halle des dem venezianischen Dogenpalast nachempfundenen Stockholmer Stadthauses tafeln, wird jedes Jahr anschließend verkauft, ebenso wie das goldene Besteck; die Möglichkeit, mittels eines Stücks Nobelpreistradition alle Bürger an diesem einzigartigen Ereignis teilhaben zu lassen, ist ein Bestandteil der schwedischen Kultur.

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