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Nobelpreis-Kandidat : Australischer Dichter Les Murray gestorben

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Leslie Allan Murray, geboren am 17. Oktober 1938 in Nabiac, gestorben am 29. April 2019 in Taree Bild: EPA

In seinem Heimatland war er ein „lebender Nationalschatz“, in der literarischen Welt ein Anwärter auf den Nobelpreis: Im Alter von achtzig Jahren ist der australische Dichter Les Murray gestorben.

          Les Murray ist tot. Wie seine langjährige Agentin, Margaret Connolly, der Australian Broadcasting Corporation bestätigte, starb der australische Dichter am Montag in einem Pflegeheim in Taree in New South Wales. Sein weltumspannendes Vers-Epos „Fredy Neptune“ hatte ihn vor zwanzig Jahren international bekanntgemacht.

          Am 17. Oktober 1938 in Nabiac als Sohn eines Holzfällers geboren, wuchs Les Murray als Einzelkind in einfachsten Verhältnissen in Bunyah auf einer Milchfarm auf. Seine Mutter starb nach einer Fehlgeburt, als er zwölf Jahre alt war. Seine Vorfahren stammen aus Schottland. Zur Schule ging er erst im Alter von neun Jahren. Ab 1957 studierte er moderne Sprachen, darunter auch Deutsch, in Sydney.

          Erst 1969 beendete er sein Studium. Schon zuvor, von 1963 bis 1967 war er als Übersetzer wissenschaftlicher und technischer Fachliteratur an der Australian National University in Canberra und zeitgleich bereits als freier Lyriker tätig. Von 1973 bis 1980 arbeitete er als Herausgeber der Zeitschrift „Poetry Australia“ wiederum in Sydney und war von 1976 bis 1991 Lyriklektor im Verlag Angus & Robertson. Seit 1987 war er Redakteur der Zeitschrift „Quadrant“ und besonders für seine scharfzüngigen Rezensionen gefürchtet. Parallel etablierte er sich als Australiens angesehenster Lyriker, der von Kritikern mit Derek Walcott, Joseph Brodsky und Seamus Heaney auf eine Stufe gestellt. Sein Werk umfasst mehr als dreißig Lyrikbände, mehrere Essaysammlungen und Anthologien.

          Tägliche Begebenheiten in bäuerlicher Umgebung

          Nachdem Les Murray 1987 mit seiner Familie wieder an seinen Geburtsort zurückgekehrt war und die Farm seiner Eltern zurückgekauft hatte, konzentrierte er sich auch in seinen Werken immer stärker auf den Aspekt des ländlichen Lebens, das bei ihm oft in Zusammenhang mit einer existenziellen Religiosität auftaucht. Mit seiner Frau Valerie Gina Morelli, mit der er seit 1962 verheiratet ist, hat Les Murray zwei Töchter und drei Söhne. Von 1989 bis 1998 litt der Dichter unter schweren Depressionen, bis er nach einem Zusammenbruch aus einem Koma beschwerdefrei wieder erwachte.

          Während er in seiner Heimat Australien schon mit seinen ersten Gedichtbänden auffiel und mit Preisen bedacht, erfuhr er im deutschsprachigen Raum erst nach der Verleihung des Petrarca-Preises 1995 größere Beachtung. Ein Jahr darauf erschien beim Hanser-Verlag der Gedichtband „Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen“, der tägliche Begebenheiten, eingebettet in bäuerliche Umgebung, zum Thema macht. Im selben Jahr erhielt Murray den T.-S.-Eliot-Preis für sein Werk „Subhuman Redneck Poems“, das nur im englischsprachigen Raum veröffentlicht worden war.

          Lyrisches Äquivalent zu Joyce

          Im Jahr 2004 wurde schließlich auch der Romanepos in Gedichtform „Fredy Neptune“, im Englischen bereits 1998 veröffentlicht, der deutschen Lesergemeinde zugänglich gemacht und von den Kritikern jubelnd aufgenommen.

          In seiner Würdigung zum achtzigsten Geburtstag Murrays am 17. Oktober 2018 schreibt Andreas Platthaus, Literaturchef der F.A.Z., über das Werk: „Wie hier eine der ältesten literarischen Traditionen, nämlich das homerische Epos, revitalisiert wurde durch eine moderne Odyssee, die den Titelhelden (einen deutschstämmigen Seemann) durch die Schrecken des zwanzigsten Jahrhunderts, aber auch durch die viel ältere Mythenwelt führt, das wurde sofort als lyrisches Äquivalent zu James Joyce verstanden.“

          „Fredy Neptune“ machte Murray zur prominentesten literarischen Stimme in Australien. Der Dichter wurde vom dortigen National Trust zum „Lebenden Nationalschatz“ (nach japanischem Vorbild) ernannt und war, wie Andreas Platthaus zusammenfasst, seitdem auch ein großer internationaler Star, zudem ein ständig Weltreisender und -lesender und ernsthafter Literaturnobelpreiskandidat. „Und das alles zu Recht.“

          Am Montag ist Leslie Allan Murray, kaum mehr als ein halbes Jahr nach seinem achtzigsten Geburtstag, in Taree, der Kleinstadt in der Nähe seines Heimatorts, in der er einst zur Schule ging, gestorben.

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