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Literaturnobelpreis 2022 : Moralisch in anderer Hinsicht

Annie Ernaux im September 2019 auf Mallorca Bild: EPA

Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an Annie Ernaux. Die Schwedische Akademie enttäuscht damit manche Erwartungen an eine rein politische Wahl und bleibt ihren eigenen Prinzipien treu.

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          Die Schwedische Akademie – bewundert viel und viel gescholten – hätte in diesem Jahr bei der Vergabe des Literaturnobelpreises leicht alles richtig machen können: moralisch, politisch. Sie hätte den Preis einfach an einen oppositionellen Schriftsteller aus dem ehemaligen sowjetischen Machtbereich geben und damit ein Zeichen gegen den russischen Krieg in der Ukraine setzen können. Wir alle kennen die Namen jener Autoren, ukrainische, aber auch russische oder belarussische, die dafür infrage gekommen wären (Andruchowytsch, Ulitzkaja, Petrowskaja, Sorokin), wobei man der Akademie zugutehalten muss, dass sie die unerbittlichste literarische Aufarbeiterin des sowjetischen Erbes, die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch, ja schon geehrt hatte: 2015, im Jahr nach dem Beginn der russischen Übergriffe im Donbass, dem im Westen so lange geleugneten Kriegsbeginn. Es sage keiner, da hätte die Nobelpreisjury kein Gespür gehabt.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Oder Salman Rushdie. Wie die genauen Abläufe der Stockholmer Preisfindung sind, ist eines der Geheimnisse dieser wichtigsten aller Literaturauszeichnungen, aber das Attentat auf den mit einer iranischen Fatwa belegten Schriftsteller fand am 12. August dieses Jahres statt, also vor fast zwei Monaten. Es sage keiner, da hätte man sich nicht noch für ihn entscheiden können – zumal die ästhetische Größe von Rushdies Werkes ja außer Frage steht. Aber den Mut, ihm den Preis zu geben (und damit verfolgte Schriftsteller in aller Welt zu ermutigen), hat die Akademie seit dreißig Jahren nicht aufgebracht. Warum hätte sie es diesmal tun sollen?

          Weil man auf die Neubesetzungen im Jurorenkreis nach den Skandalen des vergangenen Jahrzehnts gehofft hatte. Und immerhin waren die beiden letzten Nobelpreise jeweils überraschende und gleichwohl literarisch konsequente Entscheidungen: 2020 für die amerikanische Lyrikerin Louise Glück und 2021 für den tansanischen Romancier Abdulrazak Gurnah. Nichts war vorher über diese Entscheidungen durchgesickert (wie zuvor durchaus üblich), und wenn man etwas bemängeln konnte, dann die aufeinanderfolgende Auszeichnung zweier auf Englisch schreibender Autoren. Der Literaturnobelpreis hat einen weltumspannenden Anspruch, und egal wie sehr das Englische die globale Literatur mittlerweile dominiert – es gibt immer noch mehr als genug grandiose Schriftsteller, die sich in anderen Sprachen ausdrücken.

          Eine Frau, die die Sache der Frauen vertritt

          Eine von ihnen ist die Französin Annie Ernaux. Sie ist die Literaturnobelpreisträgerin 2022. Keine politische Entscheidung, aber auch keine rein literarische. Denn die zweiundachtzigjährige Annie Ernaux ist eine dezidiert moralische Autorin, die für sozial Schwache ebenso vehement in ihren stets autobiographisch grundierten Büchern eingetreten ist wie für Frauenemanzipation. So gesehen ist es auch eine richtige Wahl, wenn auch nicht unter den erwarteten moralischen Aspekten. Und dass die Entscheidung nun so fiel, ist durchaus auch ein weiteres Zeichen: für die Unbeeinflussbarkeit der Schwedischen Akademie und dafür, dass man in ihr nicht ein Verlautbarungsorgan à la PEN sehen soll, das sich als Interessenvertretung der Schriftsteller versteht und somit deren Belange in den Vordergrund stellen muss. Der Literaturnobelpreis gilt zwar einer Person, doch er ist eine Auszeichnung, die im Sinne des Publikums vergeben wird. Zumindest eines solchen, wie die Akademie es sich wünscht: aufgeschlossen und traditionsbewusst zugleich, vor allem aber literarisch anspruchsvoll.

          In dieser Hinsicht ist Annie Ernaux mehr als eine gute, es ist eine exzellente Wahl. Dass man sie zudem (nicht nur hierzulande) viel besser kennt als Glück und Gurnah, wird nicht nur den Buchhandel freuen (aber den besonders, und natürlich ihren deutschen Verlag Suhrkamp). Man bekommt ja auch als Leser oder zumindest interessierter Beobachter ein besseres Gefühl, wenn man den Namen des Literaturnobelpreisträgers schon einmal gehört hat. Und Ernaux werden wirklich viele auch wirklich gelesen haben. Das wiederum muss die Nobelpreisjury überhaupt nicht interessieren. Aber bei einer Auszeichnung, die so viel bewirkt und dementsprechend auch so sehr unter Beobachtung und Analyse steht, ist Abwechslung das einzige Heil in der unvermeidlichen Flucht vor den Erwartungen. Abwechslung in Sprachen, Formen und auch Prominenz. Und mittlerweile klar erkennbar auch beim Geschlecht. Auch so gesehen ist Annie Ernaux eine konsequente Wahl. Zumal sie wie kaum jemand sonst für ihr Geschlecht schreibt.

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