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Stockholm-Kommentar : Ishiguros Nobel-Appell

Kazuo Ishiguro bekam den Nobelpreis 2017 Bild: dpa

Souveräne Worte eines bescheidenen Preisträgers: In seiner Rede zur Verleihung des Literaturnobelpreises fordert Kazuo Ishiguro den Westen zum Verlassen der Erste-Welt-Komfortzone auf.

          Mit zwanzig war er noch fest entschlossen, ein Rockstar zu werden. Mit vierundzwanzig studierte der ehemalige Sozialarbeiter Kazuo Ishiguro kreatives Schreiben. Während er mit wenig Enthusiasmus an zwei Kurzgeschichten feilte, entdeckte er plötzlich, dass er den Stoff für seinen ersten Roman schon lange mit sich herumgetragen hatte. „Damals in Nagasaki“ spielt in jenem Land, das Ishiguro 1960 im Alter von fünf Jahren verlassen und danach nie wieder besucht hatte. Und wohin er, wie er jetzt erkennen musste, auch nie wieder zurückkehren würde: das Japan seiner Eltern und seiner eigenen frühen Kindheit. Es lebte schon damals nur noch in jener Sorte von Erinnerungen weiter, in der wir alle früher oder später zu Bewohnern untergegangener Welten werden.

          Bereits Anfang der achtziger Jahre hatte Ishiguro einen Themenkomplex für sich entdeckt, um den heute unzählige Autoren aus aller Welt kreisen: Herkunft, Kulturwechsel, Identität. Jetzt blickte er in seiner Nobelpreisrede, die er vor einer von Missbrauchs- und Korruptionsvorwürfen wohl noch längst nicht gründlich genug durchgeschüttelten Stockholmer Akademie hielt, auf seinen Werdegang zurück, erinnerte sich an Einflüsse, Wegscheiden und „stille, private Momente der Erkenntnis“. Ein herzzerreißender Song von Tom Waits verhalf ihm zu einer entscheidenden Volte in seinem ersten Welterfolg „Was vom Tage übrig blieb“; in Auschwitz-Birkenau sah er sich vor achtzehn Jahren mit der Frage konfrontiert, wie seine Generation, die Kinder der Opfer und der Täter, mit „der Last des Erinnerns“ umgehen sollte. Wie kollektive Erinnerungen entstehen, wie sie geformt und bewahrt werden und ob nicht historische Situationen denkbar seien, in denen nur das Vergessen die Spirale der Gewalt beenden könne, das waren einige der Fragen, die Ishiguro in seinem jüngsten Roman „Der begrabene Riese“ behandelt hat.

          Was gute Literatur ist

          Doch die Anstrengungen des Erinnerns, Erörterns und Bewahrens haben ihren Preis. Auch er, sagt Ishiguro, habe viel zu lange in einer Blase gelebt und jäh erkennen müssen, dass seine Welt „in Wahrheit viel kleiner war, als ich mir je vorgestellt hätte“. Die Jahre, die seit dem Mauerfall von 1989 vergangen sind, nennt er eine Epoche der Selbstgefälligkeit und der vergeudeten Möglichkeiten, in der wir alle eine enorme Ungleichheit der Vermögen wie der Chancen zugelassen hätten.

          Aber was kann die Literatur schon groß dagegen tun? Immerhin dies: Die literarische Welt des Westens müsse wach und offen sein, noch intensiver über die „Komfortzonen der Ersten-Welt-Elite“ hinausblicken, nach Unbekanntem und Ungewohntem Ausschau halten und dürfe ihre „Definition davon, was gute Literatur sein soll, nicht zu eng stecken, nicht zu konservativ formulieren“. Gute Literatur, woher auch immer sie komme, werde auch in Zukunft Barrieren einreißen. So lautet Kazuo Ishiguros „Nobel-Appell“. Bescheidene, souveräne Worte eines bescheidenen, souveränen Preisträgers.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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