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Radikaler Humanismus : Nietzsche regiert im Silicon Valley

  • -Aktualisiert am

Es ist überraschend, dass Sie Ihr Buch ausdrücklich an Konservative richten, die noch nicht nach rechts abgedriftet sind.

Im Buch möchte ich erklären, wie die äußere Rechte eine internationale Bewegung zu schaffen versucht.

Glauben Sie wirklich, dass die Rechten in der Lage sind, eine internationale Bewegung zu gründen?

Sie haben schon eine internationale Bewegung, gegründet von Milliardären. Ihre Feinde sind international: Muslime, Feministinnen und die Erklärung der Menschenrechte. Bulgarische und rumänische Nazis hassen einander, aber sie haben ein größeres Ziel, nämlich die Zerstörung der europäischen Demokratie, und das hat Vorrang. Der nationale Krieg kann später kommen. Ich möchte nicht nur zu Linken sprechen. Ich möchte zum gesamten liberalen Zentrum sprechen.

Sie haben im Buch ein Kapitel, das heißt „Es genügt nicht, Hannah Arendt zu lesen“. Können Sie das näher erläutern?

Ein Hauptargument von Arendts Theorie ist die Immunität Amerikas gegen den Faschismus. Das hat sich insofern erledigt, als es in Amerika eine Tendenz zum autoritären Konservatismus gibt. Ein weiterer Grund ist, dass es einen Unterschied macht, ob man in einer streng hierarchischen Gesellschaft oder in einer Netzwerk-Gesellschaft lebt. Die Weimarer Republik war eine hierarchische Gesellschaft, auch die SPD war hierarchisch. Wir leben aber in einer Netzwerk-Gesellschaft, und da funktionieren auch die autoritären Rechten anders. Aber entscheidender ist, dass heute niemand mehr kommen wird, der uns rettet, es gibt keine Supermacht mehr. Weder Amerika noch die Briten werden mit ihren Spitfires kommen. Wir müssen es selber machen. Nur wir selbst können uns retten. Und dabei kommt man am Humanismus nicht vorbei. Hannah Arendt hat nie den Link zwischen dem Denken Nietzsches und den Nazis gesehen. Das ist heute wichtig, weil das Denken Nietzsches in vielen Eliten vorherrscht. Was beten die Leute im Silicon Valley an? Den Supermann, den Sieg des Willens, Amoralität, am Ende eine grobe Zusammenfassung aus Nietzsches Philosophemen. Wer den erreichten Stand der Demokratie im Westen verteidigen will, kann diesem Zusammenhang nicht ausweichen. Es ist natürlich trotzdem hilfreich, Hannah Arendt zu lesen, weil sie in vielem recht hat.

Was verstehen Sie unter einer Netzwerk-Gesellschaft?

Netzwerke bringen freien Nutzen oder freies Vergnügen, freies Glück. Und der Netzwerkeffekt ist: Je mehr Menschen im Netzwerk sind, desto nützlicher wird es. Wir als Gesellschaft müssen diesen Effekt ergreifen und nutzen, indem wir ein Maximum an Automatisierung mit einem Minimum an Arbeit und einem Minimum an Ressourcenverbrauch koppeln. Dazu muss man aber die richtigen Fragen stellen. Ich war bei der SPD zu einem Kongress über Digitalisierung, und die einzig wichtige Frage war, wie kommen wir zu neuen Jobs. Das ist aber die falsche Frage.

Warum?

Weil der technische Fortschritt etwa vom Töpfern zum Mikrochip zeigt, dass wir in der Lage sind, die Technologie weiterzuführen, wenn wir die Früchte auf alle verteilen und im Zeichen des Klimawandels in andere Richtungen forschen und bauen. Marx’ Utopie, nach der wir morgens jagen, mittags fischen und abends philosophieren, ist immer noch erreichbar, auch wenn wir keine Tiere mehr töten sollten. Und Arbeit wird es auch nach der Digitalisierung immer noch geben. Für mich war es immer frustrierend zu sehen, dass die klassischen Linken wie die alte Labour Party und die Sozialdemokraten das nicht gesehen haben und an der klassischen Arbeit festhielten. Wenn ich aber automatische Autos, künstliche Intelligenz und lernende Maschinen nutzen will, wofür ich bin, dann muss man die nützlichen Maschinen in den Dienst der Menschen stellen und sie nicht benutzen, um die Menschen zu beherrschen, wie es bis jetzt geschieht. Und das geht nicht anders als vor dem Horizont eines radikalen Humanismus.

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