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Alice Munro wird neunzig : Überall sind wir Anfänger

In Deutschland erscheinen die Bücher von Alice Munro seit dem Jahr 2000 bei S. Fischer. Bild: dpa

Mit der Lektüre ihrer Geschichten beginnt man am besten mittendrin. Wie hat Alice Munro das gemeint? Zum neunzigsten Geburtstag der kanadischen Nobelpreisträgerin.

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          Wo soll man anfangen? Es kommt nicht darauf an. Anfangen kann man überall. Das sagt Alice Munro über das Lesen von Geschichten. Wenn sie ein Werk eines Kollegen zur Hand nimmt, beginnt sie die Lektüre manchmal am Anfang, manchmal am Ende, am häufigsten aber irgendwo in der Mitte. Alle Welt sage, diese Methode sei überraschend, aber ihr scheine sie vollkommen vernünftig.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Überraschen darf, dass dieses Verfahren auch für die Produkte ihrer eigenen Arbeit das richtige sein soll, Geschichten, deren Gattung durch ihre Kürze definiert wird. Bei Romanen mag einem die Übung vertraut sein, probeweise mitten in den Text zu springen, um abschätzen zu können, ob man sich dem Autor für eine lange Strecke anvertrauen möchte. Aber eine Kurzgeschichte kann man in einem Zug durchlesen, ohne das Buch aus der Hand zu legen. Sollte man dann nicht am Anfang anfangen, damit einem nichts entgeht und man mitbekommt, wie Schritt für Schritt Bezüge hergestellt werden, bis man am Ende ein Ganzes hat, in dem alle Teile aufeinander zu sein? Denn darin liegt doch die Herausforderung des Genres, die Chance der Ökonomie: Jedes Detail darf prägnant sein.

          Alice Munro arbeitet durchaus viel mit dem epischen Kunstmittel der Vorwegnahme, der vorauseilenden Mitteilung eines chronologisch späteren Ereignisses. So kommt es vor, etwa in „Pictures of the Ice“ („Bilder vom Eis“) im Band „Friend of My Youth“ („Glaubst du, es war Liebe?“) von 1990, dass sie schon im ersten Satz einer Geschichte verkündet, dass die Hauptfigur innerhalb eines bestimmten Zeitraums plötzlich sterben wird. Aber das muss man anscheinend gar nicht mitbekommen, jedenfalls zuerst noch nicht, um eine solche Geschichte zu lesen und sich in ihr zurechtzufinden. 

          Zeitsprünge erzwingen Wachsamkeit

          Handlungen haben Folgen. Nein, man muss genauer sagen: Handlungen werden Folgen zugeschrieben. Wer von Handlungen redet, hat schon zu erzählen angefangen. Und damit kommen Bedürfnisse und Erwartungen ins Spiel, für die triviale Platzhaltervokabeln wie Sinn stehen. Eine Kurzgeschichte im klassischen Sinne jenes Metiers, als dessen Meisterin Alice Munro 2013 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, ist eine Kausalitätsmaschine, ein Ad-hoc-Apparat für die Sortierung von Handlungen und Folgen. Während die Rädchen der gut konstruierten Geschichte schnurren, werden die erzählten Begebenheiten mit Bedeutungen gestempelt. Eine Kurzgeschichte nähert sich dem Gedicht an, da jede Einzelheit auch bildlich verstanden werden kann.

          Die auffälligste Eigenschaft von Alice Munros Erzählweise sind die Zeitsprünge. Man muss aufpassen, um eine Ahnung von dem zu bekommen, was geschehen ist; das hat durchaus etwas vom Krimi, wozu auch die kleinstädtische Kulisse des Hinterlands von Ontario passt, eine mit englischen Ortsnamen gespickte, sozusagen generische Landschaft, der sogar die eigenen Bewohner jeden pittoresken Reiz absprechen. Während man den Erzählerfiguren Munros durch ihre verschachtelten Rückblenden folgt, wird man sich aber auch über den Handlungszusammenhang hinaus seinen Reim auf das Gehörte machen. Was hat das Ganze zu bedeuten? Diese Frage drängt sich bei einer Kurzgeschichte besonders früh auf. Vorläufige Antworten findet man wie im Krimi durch Kombinatorik, durch Sammeln von Indizien.

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