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Kurzdramen britischer Autoren : Deine Mutter ist ein harter Brexit

Mutters harter Brexit: Szene mit Bronagh Gallagher aus Stacey Greggs Monolog „Your Ma’s a Hard Brexit“. Bild: The Guardian / Stacey Gregg

Neun britische Autoren haben Monologe zum Brexit verfasst. Das kostspielige Scheidungsdrama beleuchten sie auf kritische, aber ganz unterschiedliche Weise.

          3 Min.

          London, 21. Juni. Der Brexit-Minister David Davis war beim Abschluss des ersten Verhandlungstags zum britischen Austritt aus der Europäischen Union entschlossen, gute Laune zu verbreiten. Er griff auf ein Zitat von Winston Churchill zurück, demzufolge ein Pessimist in jeder Gelegenheit Schwierigkeiten sehe, ein Optimist dagegen die Gelegenheit in jeder Schwierigkeit. David Davis zählte sich naturgemäß zu den Optimisten.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die neun Dramatiker, die die Londoner Tageszeitung „The Guardian“ jetzt zusammen mit der innovativen Theatertruppe Headlong beauftragt hat, jeweils ein Fünfminutenstück über Ursachen und Auswirkungen des Brexit-Referendums zu schreiben, sehen es anders. Sie gehören eindeutig zu den Pessimisten.

          David Hare, der die Liste der beteiligten Autoren anführt, bringt den dominanten Ton der mit prominenten Darstellern wie Kristin Scott Thomas verfilmten Reihe „Brexit Shorts: Dramen aus einer geteilten Nation“ auf den Punkt, wenn er die Nachwehen des Volksentscheids als die deprimierendste Zeit seines Lebens bezeichnet. Um mit dem kessen Lebemädchen Mandy Rice-Davies zu sprechen (das im Profumo-Prozess auf den Hinweis, dass Lord Astor bestreite, mit ihr geschlafen zu haben oder ihr überhaupt nur begegnet zu sein, jene sprichwörtlich gewordene Erwiderung gab): „Natürlich würde er das sagen.“ Die Autoren teilen die Sichtweise der von den Brexit-Anhängern als „linksliberale Elite“ etikettierten Künstler und Intellektuellen.

          Der britische Drehbuchautor David Hare.

          Fünf der neun verfilmten Monologe sind am ersten Tag der Verhandlung über den Ausstieg ins Netz gestellt worden. In der kommenden Woche folgt eine zweite Staffel mit einem Beitrag von Abi Morgan, der Drehbuchautorin des Thatcher-Filmes „Die Eiserne Lady“. In ihrem Stück „The End“ dient ein Scheidungsdrama als Metapher für das britische Verhältnis zur EU: Penelope Wilton, in Deutschland bekannt als Mrs Crawley, die bürgerliche Widersacherin von Maggie Smiths Gräfinnenmutter aus „Downton Abbey“, spielt eine Frau, die nach mehr als vierzigjähriger Ehe von ihrem Mann verlassen worden ist. Sie rechnet mit einer kostspieligen Trennung.

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          Die meisten „Brexit Shorts“ betrachten die Vorgänge aus der Perspektive wiedererkennbarer Typen aus bestimmten Regionen des Landes, denen sich die jeweiligen Autoren verbunden fühlen. Auf diese Weise werden verschiedene Aspekte des Brexits beleuchtet: von der Angst vor erneuerter Gewalt in Irland über die Einstellung zur Einwanderung in den von der Rezession besonders hart getroffenen Städten Mittel- und Nordenglands bis hin zum schottischen Unabhängigkeitsbegehren.

          So verleiht die Schottin A. L. Kennedy einem verbitterten jungen Arbeitslosen aus Glasgow eine Stimme, die beklagt, dass die Armut ihn zum Flüchtling in der eigenen Heimat gemacht habe. Zwischen schwerem Glasgower Akzent und englischer Aussprache wechselnd, gibt sich der Darsteller Scott Reid in dem sarkastisch als „Permanent Sunshine“ (Ewiger Sonnenschein) betitelten Stück zunächst als proletenhafter Rüpel im Kapuzenpulli, der die Kamera provozierend auffordert, ihm durch finstere Gassen zu folgen. Es stellt sich jedoch heraus, dass dieser zornige junge Mann, dessen Vater sich zu Tode getrunken hat, nachdem er seine Stelle verlor, Soziologie studiert hat.

          Ein ähnliches Bild wirtschaftlicher Misere zeichnet die aus Belfast stammende Dramatikerin Stacey Gregg in „Your Ma’s a Hard Brexit“ (Deine Mama ist ein harter Brexit). Eine von der nordirischen Sängerin und Schauspielerin Bronagh Gallagher gespielte Mutter aus der protestantischen Arbeiterschaft erzählt ihrem Sohn auf dem Schulweg entlang einer der sogenannten nordirischen Friedensmauern, die Katholiken und Protestanten voneinander trennen, dass sein Vater nach dem Brexit-Votum einen irischen Pass beantragt habe, um weiterhin EU-Bürger zu bleiben. Des Jobs wegen. „Wenn du Arbeit haben willst, musst du ihr hinterherjagen“, sagt die Mutter. Ihr unionistischer Vater aber ist außer sich. Für ihn bedeutet der Schritt seines Schwiegersohnes Landesverrat. Mutter und Kind laufen vorbei an Bildern der Königin und verblichenen Plakaten mit dem Union Jack und der Aufschrift „Stolz, britisch zu sein“. Das einzige Geld, das hierher fließe, komme von der EU, erklärt die Mutter, als sie mit dem Sohn einen besonders desolaten innerstädtischen Bereich durchquert.

          Meera Syal wiederum veranschaulicht in dem von ihr verfassten und auch selbst dargebotenen Monolog „Just a T-Shirt“ das Ressentiment der den Brexit befürwortenden Einwanderer aus dem indischen Subkontinent gegen die neueren europäischen Migranten, die von den „Frühangekommenen“ als Schwarzarbeiter und Wohlfahrtsschnorrer beschimpft werden. Als Tochter eines Sikhs macht sie auf einem mittelenglischen Polizeirevier eine Zeugenaussage über einen rassistischen Vorfall. Ein Mann, von dem sie als „Paki“ bespuckt und ihr tschechischer Nachbar zusammengeschlagen wurde, hatte nicht unterschieden zwischen den früher oder später Angekommenen. Auf seinem T-Shirt stand: „Ja, wir haben gesiegt! Jetzt schickt sie alle zurück!“ Sie bittet, dass man dem Nachbarn ausrichte, es tue ihr leid. Sie meint damit vor allem, dass sie bedauert, für den Brexit gestimmt zu haben.

          In ihrem wunderschönen südenglischen Garten weiß Kristin Scott Thomas als Karikatur einer Engländerin aus der gehobenen Mittelschicht nichts von solchen Nöten. In David Hares „Time to Leave“ hat sie wie jeder andere, den sie kennt, für den Brexit gestimmt, beschwert sich nun aber, dass nichts besser geworden sei. Ihre Gärtner wollten immer nur mit Bargeld entlohnt werden, und die Müllabfuhr komme nur noch alle vierzehn Tage. Sie fragt sich, warum der Zorn geblieben ist, nachdem „wir unser Land zurückbekommen haben“. Plötzlich leuchtet es ihr ein: „Wir haben für den Austritt aus Europa gestimmt. Aber das war gar nicht, was wir wollten. Wir wollten England verlassen.“ Und dazu blickt sie von den Stufen ihres Wintergartens herab auf den grünen Rasen und die blühenden Beete, die ein verklärtes England-Bild versinnbildlichen.

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