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Roman von Anna Weidenholzer : Niemand hat vor, einen Eisbären zu töten

  • -Aktualisiert am

Anna Weidenholzer Bild: Katsey

„Finde einem Schwan ein Boot“ handelt von fragwürdigen Paarbeziehungen und finsteren Aussichten. Anna Weidenholzer hat einen eigenwilligen Roman geschrieben, der trotz aller Ernsthaftigkeiten auf subtile Weise Witz enthält.

          4 Min.

          Nicht etwa die Frage nach dem ganz großen Glück, vielmehr die nach einer möglichen Zufriedenheit oder eigentlich doch nur: nach der Erträglichkeit des Daseins ist es, die Anna Weidenholzer umtreibt. Dafür schaut die 1984 in Linz geborene Autorin auf jene vermeintlich unspektakulären Bereiche der Gesellschaft, auf jene vermeintlich mittelmäßigen Gestalten, die man allzu schnell übersieht, und, wie in ihrem dritten Roman „Finde einem Schwan ein Boot“, auf Geschichten, die erst einmal gar keine zu sein scheinen.

          Der erzählerische Rahmen des Romans ist ein doppelter. Zum einen ein räumlicher: zwei Mehrfamilienhäuser, getrennt durch eine Wiese mit Wäschespinne, aber doch so nah beieinander, dass man sich gegenseitig in die Wohn- und Schlafzimmerfenster schauen kann. Da gibt es die Nachbarin, die notorisch den Postboten kontrolliert, oder den alleinstehenden Alten, dessen Einsamkeit so bedrückend ist, dass man lieber wegguckt. Und es gibt ein Paar wie Elisabeth und Peter, kinderlos, in den Dreißigern wohl, deren Beziehung weder von großen Krisen noch von bemerkenswerten Euphorieausschlägen erschüttert wird, so dass die Frage nach der Bedingungslosigkeit genauso wie nach der Unbedingtheit dieser Zweisamkeit durchaus angebracht scheint.

          Drei Stunden und Vierzig Minuten

          Explizit formulieren wird sie ihn zwar nicht, aber der Zweifel tröpfelt stetig in Elisabeths Gedanken, während sie nachts wach liegt, den schlafenden Peter neben sich – die Stunden von 1.18 Uhr bis 5.58 Uhr bilden den zeitlichen Rahmen des Romans. In verschiedenen, mal jüngeren, mal weiter zurückliegenden Szenen vergegenwärtigt Elisabeth sich das Leben mit Peter, zu dem auch die lose Freundschaft mit Karla und Heinz, einem Paar von gegenüber, gehört, deren Beziehung ähnlich dahinplätschert. Für zwischenzeitliche Energieaufwallungen sorgen einzig Peters ambitionierte Bergtouren – Elisabeths Abneigung dagegen blendet er aus – oder Heinz’ handwerkliche Betätigungen, wenn er etwa die Schrankwand im Wohnzimmer so zurechtzimmert, dass der Käfig des Chinchillas darin Platz findet. Überhaupt, dieses Chinchilla! Ähnlichkeiten des eingepferchten Nagers mit den übrigen Bewohnern dürfen nicht als ausgeschlossen gelten.

          Den Auftakt des Romans bildet ein diffus bleibender Traum, vielleicht hat er Elisabeth aufwachen lassen. Was aus den sich ineinander verwandelnden Traumbildern in das Bewusstsein Elisabeths hinübergleitet, sind zwei Wörter: die „Wüste“ und die „Würste“, die im Traum miteinander verwechselt werden. Ein minimaler Unterschied, ein Verhören womöglich, ein einzelner Buchstabe führt zu Bedeutungen, zwischen denen Welten liegen. Eben war vom Trockenlegen von Wüsten die Rede, dann heißt es: Nein, nicht Wüste. Um Würste sei es doch gegangen, die man habe herstellen wollen. Auf unspektakuläre Weise lustig mutet die Nähe ebenso wie die Verwechslung an.

          Anna Weidenholzer: „Finde einem Schwan ein Boot“. Roman. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019. 212 S., geb., 20 Euro.

          Was hat es auf sich mit dem Missverständnis? Nicht nur mit demjenigen zwischen Wüsten und Würsten, sondern mit dem Missverständnis, dem Einander-Missverstehen als solchem? Bei Weidenholzer könnte es Fluch genauso wie Segen jedes Miteinanders sein. Allen voran der Liebe, versteht sich. Kann sie vielleicht nur funktionieren, wenn man sich gegenseitig falsch versteht? Der Titel des Romans spielt eben darauf an: Auf eine treu liebende Schwänin, die nicht merkt, dass der Auserwählte kein Artgenosse, sondern ein Tretboot ist.

          Anna Weidenholzer hat aber keinesfalls nur eine Geschichte über fragwürdige Paarbeziehungen geschrieben, sondern einen hochaktuellen Roman über die unheilvollen mentalen und gesellschaftspolitischen Verschiebungen, die dieser Tage stattfinden. Was für Österreich gilt, das die in Wien lebende Weidenholzer vornehmlich in den Blick genommen haben dürfte, trifft gleichermaßen auf die Atmosphäre in Deutschland zu.

          Wie eine vergessene, ewig stumme Figur

          Zunächst beinahe unmerklich lässt Weidenholzer Szenen über Klimawandelleugner und Fremdenfeindlichkeit in das von Elisabeth rekapitulierte Geschehen einsickern, ganz so, wie das Ressentiment unauffällig, aber beharrlich in die Gesellschaft sickert. Was bedeutet es schon, wenn die ohnehin enervierende Nachbarin, die über den Postboten wacht, an den Mülltonnen ihre Verantwortung für schmelzende Polkappen abstreitet – sie habe schließlich noch nie einen Eisbären getötet. Muss man sich wirklich darüber empören, dass Heinz mangels anderer beruflicher Perspektiven bei einem Wachdienst unterschreibt, der für Ordnung auf den Straßen sorgen will? Was soll man über Peter denken, dessen Pedanterie und Spießigkeit genauso wie seine Leidenschaft fürs Bergsteigen man immer schwer erträglich fand und der nun hin und wieder irritierende Bemerkungen fallen lässt? Vielleicht will er ja nur die Nachbarin oder den Freund vom Wachdienst nicht brüskieren?

          Weidenholzer muss nicht kommentieren, sie lässt die Figuren für sich sprechen. Wie Besucher eines Theaterstücks – und ähnlich, wie in den späten Weimarer Jahren das Publikum durch Horváths vom Alltag abgelauschten Bildungsjargon erhellt wurde – wohnen wir einem Geschehen bei, das wir bald nur noch mit einiger Mühe für ein absurdes halten können. Und plötzlich scheint selbst die Traumszene vom Anfang auf bittere Weise real, scheint die Rede von trockengelegten Wüsten und vom Wurstmachen an Erderwärmung und aus dem Ruder gelaufene Fleischindustrie zu gemahnen.

          Von dramaturgischer Konsequenz ist, dass schließlich die Professorin ihren Auftritt hat, eine Person, die bis dato in der trostlosen Bar in der Nachbarschaft entweder allein am Tresen saß oder über die in Abwesenheit gemunkelt wurde. Wie eine vergessene, ewig stumme Figur tritt sie an die Rampe und beginnt, über die Konformitätsexperimente von Solomon Asch zu erzählen, mit denen der polnisch-amerikanische Psychologe in den fünfziger Jahren zeigte, wie eklatant die Mehrheitsmeinung – so offenkundig falsch sie sein mag – Urteile einzelner beeinflusst.

          Nach ihrer Rede zahlt die Professorin, wie immer mit perfekt abgezählten Münzen, und verlässt die Kneipe mit dem Hinweis, dass es spät geworden sei und man, sei der Horizont dunkel, so schlecht sehe, was darunterliege. Lediglich um einen Kommentar zu ihrem bevorstehenden Nachhauseweg wird es sich dabei gewiss nicht handeln. Zu hoffen bleibt umso mehr, dass Anna Weidenholzers luzidem, eigenwilligem und bei aller Ernsthaftigkeit auf subtile Weise witzigem Roman trotz seines zurückgenommenen, wenig auftrumpfenden Tons die ihm gebührende Aufmerksamkeit zuteilwird.

          Anna Weidenholzer: „Finde einem Schwan ein Boot“. Roman. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019. 212 S., geb., 20,- [Euro].

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