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Neues vom „Kleinen Wassermann“ : Das nasse Erwachen

  • Aktualisiert am

Daniel Napp hat bunte, neue Wassermannbilder für die kleine Forsetzung gemalt Bild: Daniel Napp

„Der kleine Wassermann“ war Otfried Preußlers erstes Buch. Jetzt hat er, zusammen mit seiner Tochter, eine Fortsetzung geschrieben. Im F.A.S.- Interview spricht Regina Stigloher über die Arbeit mit ihrem Vater und das ewige Leben von Karpfen.

          Kinder, hat der lang geschlafen: Das war 1956, als das Buch „Der kleine Wassermann“ erschien und der Junge mit den Schwimmhäuten und der roten Mütze, der auf dem Rücken des alten Karpfen Cyprinus im Mühlenweiher die erstaunlichsten Abenteuer erlebt hat, sich verabschiedete: „Und er freute sich, dass er die Mutter noch einmal gehört hatte, ehe er vollends hinüberschlief - in den traumhellen Wassermannwinter.“ Es war das erste Buch von Otfried Preußler, der danach mit dem Hotzenplotz, kleinen Gespenst, der kleinen Hexe, Krabat und vielen anderen Büchern eine ganze große Kinderwelt geschaffen hatte, die das Bewusstsein von Generationen Heranwachsender geprägt hat. Jetzt hat seine Tochter, Regine Stigloher, zusammen mit ihrem Vater, der inzwischen 87 Jahre alt ist, eine kleine Fortsetzung geschrieben, und Daniel Napp hat bunte, neue Wassermannbilder dazu gemalt. Im Gespräch mit Regine Stigloher, 58, fangen wir ganz vorne an:

          Wissen Sie das noch - als Sie zum ersten Mal vom „Kleinen Wassermann“ gehört haben?

          So genau kann ich das nicht beantworten, schließlich hat der kleine Kerl für mich schon gelebt, als das Buch noch gar nicht gedruckt war. Wenn Sie so wollen, kenne ich ihn also, seit ich denken kann.

          Der kleine Wassermann von heute

          Er ist ein bisschen jünger als Sie, vier Jahre, glaube ich. War er das ganze Leben Ihr Begleiter?

          Als kleines Mädchen war er für mich sehr präsent, so wie die anderen Figuren, die nach und nach aus der Feder meines Vaters dazukamen. Bis zu der Zeit, als meine Kinder klein waren, haben wir zwischendurch dann eher eine Fernbeziehung geführt.

          Wie war es jetzt für Sie, ihn aus dem Winterschlaf zu holen? Und hat er sich nicht beschwert? Schließlich hatte sein Vater ihm felsenfest versprochen, dass er rechtzeitig zum nächsten Frühjahr wieder aufwachen wird.

          Am Ende des Wassermannbuches verabschiedet der Vater seinen kleinen Jungen mit den Worten: „Und wenn es dann Frühling wird, weckt uns die Sonne schon rechtzeitig wieder auf.“ Na ja, und das tut sie im Bilderbuch. Kann es nicht sein, dass die Uhren bei Wassermanns einfach anders ticken als bei uns?

          Wie war das Aufwachsen zwischen all den Figuren für Sie? Ahnte man da als Kind schon, dass der eigene Vater ganz besondere Geschichten erzählen konnte? Oder dachten Sie immer: Na, das wird wohl zum Vatersein dazugehören - herrliche Geschichten wie die vom kleinen Gespenst oder Petrosilius Zwackelmann zu erzählen?

          Für mich war das ganz normal, mein Vater war mein Vater. Dass er darüber hinaus auch gut und gern Geschichten erzählt hat, war für mich nicht wirklich spektakulär. Allerdings bin ich auch zwei Jahre bei ihm in die Schule gegangen, und da habe ich gemerkt, dass er - sagen wir mal - anders erzählt als andere Lehrer.

          Gab es da auch Geschichten, die Ihr Vater nicht aufgeschrieben hat, sondern die nur Sie und Ihre Geschwister kennen?

          Ja, solche Geschichten gibt es. Sie gehören nur uns Kindern. Als Erwachsene, die selber mit Büchern zu tun hat, kann ich sehr gut nachvollziehen, warum mein Vater diese Geschichten nicht veröffentlichen wollte.

          Wie kam es jetzt dazu, dass Sie den Wassermann - zusammen mit Ihrem Vater - weitergeschrieben haben? Er war doch immer stolz, dass er, außer beim Hotzenplotz, sich nie zu Fortsetzungen überreden ließ.

          Die Idee entstand, weil es im Lebensumfeld meines Vaters zwei kleine Mädchen gibt, die aus unserer Sicht einerseits noch zu klein waren, um ihnen das ganze Wassermannbuch vorzulesen. Andererseits fanden wir es schade, sie mit dem Wassergeist nicht jetzt schon bekanntzumachen.

          Ihr Vater hat sich ganz aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Schreibt er jenseits dieses Wassermannbuches noch?

          Ja, je nach Tagesform, die bei einem 87-Jährigen natürlich schwanken kann. Im Herbst erscheint das Buch „Winterzeit, tief verschneit“. Es sind ein Dutzend und eine Geschichten meines Vaters, die vom Herbst bis zum Frühjahr spielen.

          Wie sah das gemeinsame Arbeiten mit Ihrem Vater aus?

          Wir haben gemeinsam spintisiert, wie man in Bayern sagt - wir haben einfach den Faden der Geschichte vom kleinen Wassermann immer mal wieder aufgegriffen und weitergesponnen. Dann habe ich das Ganze aufgeschrieben, und anschließend wurde gefeilt. Dazu muss man wissen: Mein Vater ist sich selbst der größte und unbestechlichste Kritiker, wenn es um seine Texte geht. Er hat also in erster Linie gekürzt.

          Wird es weitergehen mit dem kleinen Mann? Und werden die Hexe, das Gespenst und die anderen mythischen Figuren nicht unruhig? Auch ihr Leben könnte weitergehen, in der Gegenwart.

          Überlegt haben wir so manches, mal sehen, wenn die Zeit reif ist, werden Sie bestimmt davon hören.

          Der erste Verlag, an den Ihr Vater das Buch damals schickte, lehnte es ab, da man gerade nur an „Umweltbüchern“ interessiert sei. Ihr Vater hat später gesagt, das sei ja ein sonderbarer Grund, denn natürlich sei der Wassermann ein absolutes „Umweltbuch“. Ist der Wassermann heute also vielleicht noch zeitgemäßer als damals?

          Das Buch entführt in eine andere Welt, in der die ihr eigenen Regeln gelten. Es lädt die kleinen Leser und Betrachter dazu ein, ihre Phantasie spielen zu lassen, genauso wie mein Vater, wie Daniel Napp und ich das gemacht haben. In unserer Welt, die Kinder sehr oft mit komplett fertigen, bestens arrangierten Dingen konfrontiert, ist die Verlockung zum Gebrauch der eigenen Phantasie absolut wichtig und zeitgemäß.

          Gab es ein reales Vorbild für den Wassermannsee?

          Für meinen Vater und mich ist es der kleine Weiher hinter der Pulvermühle, die es heute so nicht mehr gibt. Für Vaters Enkel sind es wahlweise der Siferlinger See, der Regenstausee oder die Altwasser des Inns.

          Leben Karpfen eigentlich ewig?

          Dem Karpfen Cyprinus wünsche ich das jedenfalls. Es ist wie mit dem Winterschlaf, der mehr als ein halbes Jahrhundert dauert, bei einer guten Geschichte ist einfach alles möglich.

          Interview Volker Weidermann

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