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Neues Büchnerporträt? : Der rote Korsar von Darmstadt

Gefunden auf einem Gießener Dachboden: Bleistiftzeichnung von August Hoffmann aus dem Jahr 1833 Bild: epd

Sensationsfund mit Fragezeichen: Ausgerechnet im Büchnerjahr taucht eine Zeichnung auf, die den Dichter in Korsarentracht zeigen soll. Ist das wirklich Georg Büchner?

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          Man darf getrost von einer Sensation sprechen, auch wenn der letzte Echtheitsbeweis noch längst nicht geführt ist: Ausgerechnet im großen Jubiläumsjahr aus Anlass des zweihundertsten Geburtstags ist jetzt eine Zeichnung aufgetaucht, die mit erfreulich hoher Wahrscheinlichkeit Georg Büchner im Alter von zwanzig Jahren zeigt. Bislang waren nur zwei Bildnisse des Dichters bekannt, die zu seinen Lebzeiten entstanden sind.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Geschichte des Fundes klingt wie aus dem Kolportageroman entliehen: Der Herr Pfarrer besucht am Sonntag den Herrn Professor und präsentiert ihm einen Dachbodenfund, eine alte, leicht verschlissene Mappe aus dem Besitz der Familie. Sie enthält etwa hundert Skizzen und Zeichnungen, von denen eine den jungen Büchner in operettenhaft anmutender Kostümierung zeigt: Georg Büchner, der Autor des „Hessischen Landboten“, des „Woyzeck“ und von „Dantons Tod“, als roter Korsar.

          Der Dichter als junger Melancholiker

          Er trägt ein Hemd mit üppig gebauschten Ärmeln, der Kragen ist kühn, die Weste offen, der Blick markant. Die Brust ist mit bunten Bändern geschmückt, die rechte Hand stützt sich entschlossen aufs Knie, die linke hält sonderbarerweise ein mit Noten und einem Liedtext bedecktes Blatt Papier. Das soll Georg Büchner sein?

          Namhafte Büchner-Forscher gehen von dieser Annahme aus. Günter Oesterle, der Gießener Literaturwissenschaftler, der den sonntäglichen Besuch des Pfarrers erhielt, sein Würzburger Kollege Roland Borgards und Ralf Beil, Direktor der Darmstädter Mathildenhöhe und Kurator der großen Büchner-Ausstellung, die dort im Oktober eröffnet wird, haben jetzt den Sensationsfund vorgestellt und mit plausiblen Argumenten dargelegt, was alles dafür spricht, dass es sich wirklich um ein authentisches Porträt Büchners zu Lebzeiten handeln dürfte.

          Da ist zunächst die Provenienz. Blatt und Mappe befinden sich im Besitz der Nachkommen des Theatermalers August Hoffmann, der das Porträt mit seinen Initialen signiert und auf das Jahr 1833 datiert hat. Von Hoffmann stammt auch das bekannteste Porträt Büchners, das den Dichter als jungen Melancholiker im sogenannten polnischen Rock zeigt, einer Jacke, die als Symbol anti-aristokratischer Gesinnung galt.

          Lange Zeit war dieses Werk die einzige verbürgte zeitgenössische Darstellung des Dichters, bis zu Beginn der siebziger Jahre überraschend zwei in ihrer Flüchtigkeit überaus reizvolle Porträtskizzen von der Hand des Straßburger Studienfreundes Alexis Muston auftauchten. Hoffmanns Büchner im polnischen Rock wurde 1944 ein Opfer der Flammen und existiert seitdem nur noch auf verschiedenen Fotografien.

          Ein unerwartetes Geschenk

          Roland Borgards hat nun eine solche Fotografie und das neue Porträt am Computer übereinandergeblendet und dabei einen so hohen Grad an Übereinstimmung der Linienführung, der Gesichtszüge und der Proportionen festgestellt, dass die Vermutung naheliegt, Hoffmann habe sich selbst kopiert und das eigene Werk variiert. Borgards und Oesterle vermuten, dass es sich bei dem Neufund um die ältere Darstellung handelt.

          Und die Noten? Sie stammen aus der seinerzeit sehr populären und 1833 auch in Darmstadt aufgeführten Korsarenoper „Zampa oder die Marmorbraut“ des elsässischen Komponisten Ferdinand Herold. Der mit der Lupe entzifferbare Liedtext lautet: „Wenn ein Mädchen mir gefällt/Da hilft kein Widerstreben,/Die mein Herz sich hat erwählt,/Die muß sich mir ergeben.“

          Ob Büchner mit der Korsarenpose womöglich seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé beeindrucken wollte, wie der Marburger Bücher-Forscher Burghard Dedner vermutet, ist nur eine von vielen Fragen, die dieser spektakuläre Fund aufwirft. Wie immer die weiteren Untersuchungen dieser Bleistiftzeichnung ausgehen wird, eines ist sicher: Im Büchnerjahr ist dieses Blatt ein unerwartetes Geschenk.

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