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Richard Swartz im Gespräch : Mittendrin, als ein Land verrückt wurde

Wenn aus Sprache Ideologie wird: In den Jugoslawienkriegen der Neunziger wurden Menschen in Serben, Kroaten und Bosniaken eingeteilt. Ethnische Säuberungen, wie hier im bosnischen Srebrenica, waren die Folge. Bild: dpa

Der schwedische Autor Richard Swartz hat eine kroatische Familiengeschichte geschrieben. Es ist auch seine Familiengeschichte. Warum er fürchtet, sein Buch „Blut, Boden & Geld“ könnte missverstanden werden.

          3 Min.

          Am Anfang stand der Partisanenkrieg. Ein Krieg, den Josip Broz, genannt Tito, nicht nur anführte, sondern auch verkörperte. So wie das sozialistische Jugoslawien, das, auf dem Partisanenmythos begründet, über vierzig Jahre existierte, ehe es im Bürgerkrieg der neunziger Jahre unterging. Richard Swartz, 1945 in Stockholm geboren, war da bereits viele Jahre Osteuropa-Korrespondent des „Svenska Dagbladet“, hatte gerade eine Kroatin geheiratet und mit ihr ein Haus in einem istrischen Bergdorf namens Sovinjak bezogen. Und dort fand er sich plötzlich in einer gänzlich fremden Welt wieder.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Tatsächlich fühle er sich bis heute allenfalls toleriert in diesem Teil Europas, meint Richard Swartz, als wir uns in Frankfurt über sein unlängst bei S. Fischer erschienenes Buch unterhalten. Es trägt den Untertitel „Eine kroatische Familiengeschichte“. Eine Familiengeschichte, die zugleich Teil seiner eigenen Lebensgeschichte ist. Denn Hochzeit und Hauskauf hatten Swartz Mitglied einer kroatischen Familie werden lassen - einer Familie, zu deren Erbe all jene Paradoxien gehören, die für die jugoslawische Zeit zwischen Partisanenkrieg und Bürgerkrieg typisch sind.

          Die merkwürdigsten Gestalten

          Der Schwiegervater, seinerzeit Oberst im Partisanenkampf, war nach dem Zweiten Weltkrieg ins zivile Leben zurückgekehrt und bis zu seinem Tod kommunistisches Parteimitglied geblieben. Die Schwiegermutter fand als fromme Katholikin dagegen in der Institution Kirche Halt. Swartz’ Frau schließlich, 1949 in der Hafenstadt Rijeka geboren, wurde Schriftstellerin. Eine kroatische Schriftstellerin? „Nein“, meint Swartz, „sie würde heute sagen, sie sei eine Schriftstellerin, die auf Kroatisch schreibt.“

          Mut zur Generalisierung: Richard Swartz im Frankfurter Fischer-Verlag
          Mut zur Generalisierung: Richard Swartz im Frankfurter Fischer-Verlag : Bild: Wonge Bergmann

          Wenn Swartz vom Bürgerkrieg der neunziger Jahre erzählt, dann nicht aus Sicht eines stummen, unbeteiligten Dritten. Er und seine Frau hielten sich damals, als das Land „verrückt“ und „hysterisch“ zu werden begonnen hatte, häufiger in Zagreb auf. Und wurden dort Zeugen, erinnert sich Swartz, „wie der Nationalismus, in dessen Namen plötzlich alles erlaubt war, die merkwürdigsten Gestalten aus den Löchern kriechen ließ“. Weil sie nicht einstimmen wollten in den nationalistischen Chor, wurden er und seine Frau öffentlich geächtet.

          Allgemein verpönt

          In diese Zeit fiel auch die Sache mit dem „s“: Rujana, seine Stieftochter, hatte einen Vermerk in ihrem kroatischen Pass, dessen Bedeutung unschwer zu erraten war. Welche Folgen das für „serbisch“ stehende „s“ aber haben würde, wusste keiner. Swartz erklärt, solche im Buch gegebenen Beispiele sollten illustrieren, was Begriffe damals angerichtet hätten - damals im Krieg der neunziger Jahre, als sie verwendet wurden, um Menschen ethnisch in Serben, Kroaten und Bosniaken zu teilen. Dieser Nationalismus habe damals so viel Zuspruch erhalten, weil er „eine wunderbare Melodie“ gewesen sei; aber zugleich ein furchtbar „starkes Gift“.

          Die Erfahrung aus dem Krieg, als mit der Konstruktion von „Ethnien“ politische Absichten verfolgt wurden, lasse es heute schwerfallen, Unterschiede zwischen Menschengruppen zu benennen. Nicht nur auf dem Balkan, meint Swartz, sei das verpönt. Dabei gebe es Unterschiede, etwa wegen verschiedener historischer Erfahrungen oder sozialer Prägungen, und um sie zu beschreiben, komme man um Begriffe wie „Ethnien“ oder „Völker“ nicht umhin. Überhaupt brauche es den „Mut zur Generalisierung“, um Tendenzen und Phänomene zu sehen.

          Unbeständiges Grenzland

          Und dennoch beschleiche ihn bei diesem Buch die Angst, missverstanden zu werden. Könnte nicht der „Inat“, den er als typisch balkanische Starrköpfigkeit, als eine mit Ehre verknüpfte Trotzhaltung ausmacht, als Stigmatisierung missverstanden werden? Dabei gehe es ihm, betont Swartz, wenn er diesen „Inat“ beschreibt, bloß darum, begreiflich zu machen, wie sich ein solch unterschiedlicher Wesenszug bei etwas Alltäglichem wie dem Umgang mit Geld manifestiere. Und wie man sich plötzlich fremd fühlt, wenn Phänomene unser Logik nicht entsprechen.

          So wie er auch nicht das Idyll habe zeichnen wollen, wie es sich in einem istrischen Dorf leben lässt. Sondern beschreiben, wie allein schon die Geographie mit ihrem dramatischen Zusammenspiel von Meer und Bergen Menschen in Istrien präge. Erst recht, weil dies ein Grenzland sei, wo das vorige Jahrhundert hindurch nationale Konflikte bis hin zu ethnischen „Säuberungen“ gewütet hätten. Hier, mitten in Europa, habe man sich „einrichten müssen in einer Situation, die nicht beständig ist, die sich von einem Tag zum anderen ändern kann“.

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