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Navid Kermanis Dankesrede : Der fremde Blick

  • -Aktualisiert am

Aus der Dokumentation „A life on our planet“ von David Attenborough Bild: Picture-Alliance

Eins zu sein mit allem, was lebt: Was Hölderlin als Bestimmung des Menschen sah, wird heute, da wir die Grundlage unseres Lebens zerstören, zur politischen Notwendigkeit. Dankesrede zur Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg.

          17 Min.

          Was würde Friedrich Hölderlin denken, wenn er uns hier sähe? Wenn er jetzt in die Kirche träte?, damals die Gemeindekirche des Städtchens Homburg vor der Höhe, in der er manches Gebet gesprochen haben wird, wenngleich eher unter der Woche, im Stillen, als im sonntäglichen Gottesdienst. „Ich bin nicht scheu, weil ich mich fürchte, von der Wirklichkeit in meiner Eigensucht gestört zu werden, aber ich bin es, weil ich mich fürchte, von der Wirklichkeit in der innigen Theilname gestört zu werden, mit der ich mich gern an etwas anderes schließe“, schrieb er am 12. November 1798 von seiner Wohnung in der Haingasse 36 aus, nur ein paar Schritte entfernt von dieser Kirche, an seinen Freund Neuffer: „Ich fürchte, das warme Leben in mir zu erkälten an der eiskalten Geschichte des Tags.“ Hölderlin, so viel lässt sich wohl sagen, Hölderlin würde es unter uns frieren.

          „Und wehe dem Fremdling, der aus Liebe wandert, und zu solchem Volke kömmt, und dreifach wehe dem, der, so wie ich, von großem Schmerz getrieben, ein Bettler meiner Art, zu solchem Volke kömmt! -“

          Denn Hölderlin, wenn er für unsre, seine Feierstunde aus dem Himmel herabstiege, Hölderlin würde glauben, in der Sitzordnung ein Bild unserer Gesellschaft zu erkennen. Er würde meinen, wir heutigen Menschen wären sosehr auf unsere Einsamkeit bedacht, dass wir auf den Zentimeter genau darauf achteten, uns nicht einmal mit ausgestreckten Armen zu berühren. Hätte er anfänglich noch gelacht, als wir uns zur Begrüßung mit zurückgelehntem Oberkörper die Ellbogen entgegenhielten, so bemerkte er nun die Anspannung, die noch beim Lachen oder beim Applaus in den Blicken eines jeden Publikums liegt, weil in geschlossenen Räumen nicht einmal der Luft mehr zu trauen ist. Er würde über die Masken erschrecken, die Sie alle tragen und auch ich wieder aufsetzen werde, sobald ich vom Pult trete. Vermutlich würde er mich für den Pfarrer halten, der jedes Formbewusstsein verloren hat, und Sie, meine Damen und Herren, hielte er für die versprengte Schar von Christen, die es noch in Homburg gibt. Und ganz sicher würde er einen Zusammenhang vermuten zwischen den uniformen Abständen, ungelenken Begrüßungen, ernsten Blicken, hässlichen Masken und auch der Kirche, die nicht einmal sonntags mehr gefüllt ist:

          „Feiern möcht‘ ich, aber wofür? und singen mit Andern
          Aber so einsam fehlt jegliches Göttliche mir.
          Dies ist’s, dies mein Gebrechen, ich weiß, es lähmet ein Fluch mir
          Darum die Sehnen, und wirft, wo ich beginne, mich hin,
          Daß ich fühllos sitze den Tag, und stumm wie die Kinder,
          Nur vom Auge mir kalt öfters die Träne noch schleicht,
          Und die Pflanze des Felds, und der Vögel Singen mich trüb macht,
          Weil mit Freuden auch sie Boten des Himmlischen sind,
          Aber mir in schaudernder Brust die beseelende Sonne,
          Kühl und fruchtlos mir dämmert, wie Strahlen der Nacht,
          Ach! und nichtig und leer, wie Gefängniswände, der Himmel
          Eine beugende Last über dem Haupte mir hängt!“










          Sicher, wir könnten Hölderlin beruhigen, die Sonderlichkeiten sind einer ansteckenden Krankheit geschuldet und immerhin leichter erträglich als die Pestordnung seiner eigenen Zeit. Im nächsten Sommer, spätestens im Herbst habe unsere Wissenschaft den Erreger besiegt und könnten wir uns wieder ohne Furcht begegnen. Und Sie, meine Damen und Herren, könnten mich belehren, dass sich „Menons Klagen um Diotima“, aus denen ich vorgetragen habe, bei aller Vieldeutigkeit nicht auch noch auf Corona beziehen lassen. Aber wir könnten auch den fremden Blick Hölderlins ernstnehmen, wenn er sich heute umschaute in unserer Welt.

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