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Nachruf auf Philip Roth : Ein Riese unter den Großen

Im September 2010 in New York Bild: Reuters

Witz und Rücksichtslosigkeit beim Blick auf sich selbst und seine Gesellschaft waren seine Prinzipien, den Nobelpreis hätte er hochverdient: Zum Tod des amerikanischen Schriftstellers Philip Roth.

          Unter den ohnehin zahlreichen großen Autoren der amerikanischen Literatur der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zählte Philip Roth, der gestern im Alter von fünfundachtzig Jahren in New York an Herzversagen gestorben ist, zu den ganz Großen. Groß, was seine Fähigkeiten angeht, groß betreffs der Beliebtheit beim Publikum und groß auch des schieren Umfangs seines Werks wegen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Um aus den allein bereits dreißig Romanen drei persönliche Lieblinge auszuwählen, muss man schon einige andere sehr gute opfern. Aber es sei hier trotzdem getan: „Portnoys Beschwerden“ von 1969, „Amerikanisches Idyll“ von 1997 – beide gewiss keine Überraschung für jeden, der auch nur etwas über Philip Roth weiß – und „Unsere Gang“ von 1971.

          Unerschöpflicher Lusterzähler

          Man sieht schon: Der späte Roth ist in diesem Trio nicht vertreten. Das hat seinen  Grund darin, dass seit dem letzten Meisterwerk, „Der menschliche Makel“ (2000), in dem der Schriftsteller einmal mehr seinen wichtigsten Protagonisten Nathan Zuckerman auftreten ließ, aber diesmal nur als Beobachter eines anderen Mannes, ein bedrückender Hang zu einer Alte-Männer-Erotik sichtbar wurde, der gerade die Schärfe von Roths Blick trübte. Dabei hatte er in diesem Roman, der wie viele seiner Bücher erfolgreich verfilmt wurde, ein scharf konturiertes Porträt der amerikanischen Rassenproblematik gezeichnet, das in den Folgejahren thematisch nur noch aktueller wurde.

          Nicht nur Marcel Reich-Ranicki hatte ihn dringend für diese Auszeichnung empfohlen: Philip Roth hätte den Literaturnobelpreis verdient gehabt. Bilderstrecke

          Als der Schriftsteller schließlich 2012, zwei Jahre nach dem Roman „Nemesis“, verkündete, er wolle fortan nicht mehr schreiben, sondern nur noch lesen, mochte das keiner recht glauben. Wie wollte dieser schier unerschöpfliche Lusterzähler sich selbst stoppen? Doch Roth hielt Wort, auch wenn er sich bisweilen noch zu Gesprächen und kürzeren Texten bewegen ließ.

          Sexuelle Erfahrungen eines Heranwachsenden

          Und so bleibt nun die Erinnerung an die wunderbaren Bücher seit dem gefeierten Debüt des damals gerade Fünfundzwanzigjährigen im Jahr 1958. „Goodbye, Columbus“ erschien seinerzeit in der „Paris Review“, war also auch die erste von Roths zahllosen Publikationen in den wichtigsten amerikanischen Zeitschriften, die er als Foren nutzte wie sonst nur sein Kollege John Updike. Der im Folgejahr als Buch um ein paar Erzählungen ergänzte Kurzroman gab auch gleich das autobiographische Grundelement von Roths Schreiben zu erkennen: hier aber noch auf eher melancholische Art bei der Jugenderinnerung eines Mannes aus Newark, Ney Jersey.

          Auch geographisch im Jahr 1933 auf der anderen Seite geboren zu sein, das war für den späteren überzeugten New Yorker Philip Roth symptomatisch: Als jüdischer Amerikaner gehörte er ohnehin einer Minderheit an, die in der Ära, in  der Roth aufwuchs, noch massiven Benachteiligungen ausgesetzt war. Das prägte das Amerikabild des Schriftstellers.

          Die drei erwähnten größten der großen Bücher ziehen daraus ihre literarischen Konsequenzen. „Portnoys Beschwerden“ tut es mit einer Offenheit bei der Schilderung sexueller Erfahrungen und Nöte eines Heranwachsenden, die selbst in der liberal-libertären Phase der späten sechziger Jahre noch Skandal machte. Der Witz dieser Selbstbetrachtung des Autors unter anderem Namen – eben Portnoy – aber ist bezwingend; es gibt kaum ein amüsanteres Buch der modernen Literatur. „Amerikanisches Idyll“ dagegen war fast dreißig Jahre danach der wehmütige Abgesang auf die eigene Epoche und deren gesellschaftliche Ideale. Außerdem ist der Roman eine der bewegendsten Vater-Tochter-Geschichten.

          Das letzte Buch des eingangs genannten Trios wird dagegen kaum jemand kennen, zumal es seit 1972 auf Deutsch nicht mehr aufgelegt wurde. „Unsere Gang“ ist eine Satire über einen amerikanischen Präsidenten namens Trick E. Dixon – jeder erkannte darin 1971 den damals regierenden Präsidenten Richard Nixon alias „Tricky Dick“ –, der zur Ablenkung von innenpolitischen Problemen einen kleinen Krieg mit Dänemark vom Zaun zu brechen gedenkt. Ein Schelm, wer das Buch heute noch für aktuell hält.

          Die Lektüre dieser bitterbösen Farce aus sechs immer grotesker werdenden Kapiteln, die den Protagonisten schließlich in die Hölle führt, ist immens lohnend. Sie zeigt einen kämpferischen Philip Roth am Werk, der die gleiche Rücksichtslosigkeit, die er beim Blick auf sich selbst walten ließ, ebenfalls dann benutzte, wenn es um politisches Engagement ging. Auch das mag verhindert haben, dass er den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam, den man ihm immer prophezeit und auch gewünscht hatte.

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