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Toni Morrison bei einer Gala in New York im Oktober 2003 Bild: Reuters

Zum Tod von Toni Morrison : Amerikas Gewissen

Die Sprache der Unterdrückung ist reale Gewalt: Toni Morrison hat die schwarze Identität geprägt und die Weißen in Erklärungsnot gebracht. Nun ist die Literaturnobelpreisträgerin gestorben.

          Dass die Sklaverei bis heute fürchterliche Nachwirkungen hat, ist bekannt. Dass grausame Bilder und hässliche Stereotypen fortwirken, auch wenn der wohlmeinende Verstand es gern anders hätte – geschenkt. Die Nachrichten fast jeden Tages belehren uns, dass Diskriminierung nicht ausstirbt.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Jetzt ist die erste afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin, Toni Morrison, im Alter von 88 Jahren in New York gestorben, und wenn man sich fragt, was das eine mit dem anderen zu tun hat, dann nur dies: dass in der Kunst, im Schreiben, die kurzatmigen Fernsehnachrichten überwunden und in weiter führende Reflexion übersetzt werden könnten. Die Betonung liegt auf dem letzten Wort. Denn wie immer bedarf es dazu einer Gesellschaft, für die Kunst noch zählt und die das Innehalten nicht völlig verlernt hat. Toni Morrison, die bedeutende Romanautorin und scharfsinnige Theoretikerin des Verhältnisses von Schwarz und Weiß, hat niemanden in ihrer langen Karriere preiswert bebotschaftet, sondern viele sehen gemacht. Und sie hat vor mögliche Erkenntnis die Anforderung der ästhetischen Form gesetzt. Ihre Bücher sind vielstimmige Epen, mal auf breiter Leinwand gemalt, dann wieder von größter Intimität, beherrscht von Gewalt, Leidenschaft und altem Unrecht, das tief in die amerikanische Gegenwart hineinreicht.

          Sie schuf eine neue Ästhetik schwarzer Romankunst: die amerikanische Schriftstellerin und Universitätsprofessorin Toni Morrison, hier auf einem Bild von 1983.

          Zur Begründung der Nobelpreisentscheidung sagte die Stockholmer Jury 1993, ihre von „visionärer Kraft und poetischer Prägnanz“ geprägte Romankunst mache „eine wesentliche Seite der amerikanischen Wirklichkeit“ lebendig. Das war sehr fein, fast ein bisschen vornehm ausgedrückt, wenn man sich nur die Schreckensnachrichten der vergangenen Jahrzehnte vor Augen gehalten hätte. Aber immerhin, es war ein Schritt. Autoren und ihre Themen müssen durchgesetzt werden, und Morrisons frühe Bücher fanden etwa im Deutschen ihren ersten Unterschlupf in der Rowohlt-Taschenbuchreihe „neue frau“.

          Toni Morrison, eigentlich Chloe Adelia Wofford, wurde 1931 in Ohio geboren. Ihre Eltern stammten aus der Arbeiterklasse der ehemaligen Sklavenhalterstaaten Georgia und Alabama. In den letzten zehn Jahren hat das Mainstream-Kino Hollywoods den alltäglichen, scheinbar zur ewigen Ordnung gehörenden Rassismus des amerikanischen Südens Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts ins Zentrum zahlreicher Geschichten gestellt: als immer wieder erschütternden, sprachlos machenden Skandal von Diskriminierung und fortwährender Verhöhnung amerikanischen Rechts. Obwohl sich der Amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 wesentlich auch um die Rechtmäßigkeit der Sklaverei gedreht hatte und diese Frage mit dem Sieg des Nordens entschieden schien, hielt sich das systematische Unrecht der Sklavenhaltermentalität auch noch hundert Jahre später. Eine junge Erwachsene wie Toni Morrison wusste genau um Rassentrennung und die spitzfindige Argumentation von „separate, but equal“, mit der die Gleichbehandlung auf der Ebene der Bundesstaaten und Kommunen verweigert wurde, sie wusste um Demütigung, Willkür, Lynchmorde Schwarzer durch weiße Mobs und den Terror des Ku-Klux-Klan.

          2012 verlieh Barack Obama der Schriftstellerin die Presidential Medal of Freedom im Weißen Haus.

          Toni Morrison behandelt die Rassenbeziehungen auf allen Ebenen, und sie begann beim verinnerlichten Trauma: „Sehr blaue Augen“ wünscht sich die junge Hauptfigur im Debütroman „The Bluest Eye“ von 1970 – sehr blaue Augen, um dem von Weißen vorgegebenen Schönheitsideal zu entsprechen. Es folgten ambitionierte, immer weiter ausgreifende Familiengeschichten, die zu einer Art Counter-History der Vereinigten Staaten wurden, zu Enthüllungen über das lange Zeit Verdrängte und Verschwiegene: der mitreißende Roman „Solomons Lied“ (1977) zum Beispiel oder das ebenso faszinierende Epos „Menschenkind“ (im Original „Beloved“, 1987), das den Mord eines Kindes durch seine Mutter im neunzehnten Jahrhundert als schlimmste Spätfolge von Verschleppung und Sklaverei deutet, genau in einer Epoche, die optimistisch als „Reconstruction“ gilt. Oder der Anfang des Romans „Jazz“ (1992): Ein verheirateter Mann hat sich eine Achtzehnjährige genommen und sie später erschossen. Als das Mädchen in der Kirche aufgebahrt liegt, kommt die betrogene Ehefrau, um der Toten das Gesicht zu zerschneiden. Da wirft man sie aus der Kirche, und die Frau rennt durch den Schnee nach Hause und lässt alle ihre Vögel frei, die sie im Käfig hält, sollen sie leben oder sterben. Auch der Papagei, der immer „Ich liebe dich“ sagt.

          2010 nahm Toni Morisson die Pariser Ehrenmedaille Grand Vermeil für ihren Beitrag zur Kultur entgegen.

          Spätere Romane wie „Paradies“ (1998) haben Morrisons Ruf als Pionierin eines neuen schwarzen Erzählens bestätigt. Auch als Universitätsprofessorin hat sie tief gewirkt. Morrisons Vorlesungen zur amerikanischen Literatur, deren früheste unter dem Titel „lm Dunkeln spielen“ auf Deutsch erschienen, skizzieren die kulturpsychologischen Konturen eines scheinbaren Widerspruchs: Von Beginn an habe die Herausbildung einer „weißen“ amerikanischen ldentität angesichts mühevoller Landgewinne und überall lauernder Gefahren darauf beruht, den Schwarzen eine metaphorische Bedeutung zuzuweisen. „Amerikanischer Afrikanismus“ nannte die Autorin dieses Phänomen, das sich eben nicht nur auf Unterdrückung und die Verweigerung der Bürgerrechte bezieht, sondern auf die Konstruktion einer „afrikanistischen Präsenz“, die so mächtig war, dass sie den Blick auf den realen Menschen ersetzte. Zuletzt erschien das Buch „Die Herkunft der anderen – Über Rasse, Rassismus und Literatur“.

          Zum Schluss darf man auch davon einmal sprechen: dass die erste afroamerikanische Nobelpreisträgerin um ihre repräsentative Bürde nicht zu beneiden war. Ja, Toni Morrison war clever und durchaus „streetwise“, wie man in Amerika sagt. Aber sie brauchte unendlich viel Geduld, um (weißen) Journalisten zu erklären, was wahre Differenz ist – und was es kostet, von diesen Themen mit Klarheit und Umsicht zu sprechen. Eine große Autorin ist von uns gegangen, und sie wird fehlen.

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