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Zum Tod von F.W. Bernstein : Schaut euch nur den Weigle an!

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Fritz Weigle, genannt F. W. Bernstein, 1938 bis 2018. Bild: Britta Frenz

Skizzen vor Ort, das gehörte für ihn zum G’schäft, das ihn über Stuttgart und Frankfurt direkt in die deutsche Komik- und Literaturgeschichte führte: Zum Tod des Zeichners, Dichters und Satirikers F. W. Bernstein.

          Der Zauberzeichner F. W. Bernstein war nicht von dieser Welt. Die seine war kunterbunt, mal eckig und mal rund, und ruhte selbstvergessen in einem Meer von tiefen Tinten. Wo andere nur zeichneten, ließ sich der Linien- und Leuteforscher Bernstein von seinem Strich entführen, von der Feder in die Ferne tragen.

          „Die Insel Zeichenau – ein Land, das ferne leuchtet? Nein, ein durchaus alltäglicher hiesiger Bereich voll der merkwürdigsten Machenschaften. Fast überall und zu allen Zeiten wurde unter anderem und vor allem, nachher, anstatt, während und trotz alledem gezeichnet.“ So lautet einer der „Vorsätze“ zu Bernsteins gewaltigstem, nachhaltigstem Werk: „Bernsteins Buch der Zeichnerei“, ein „Lehr-, Lust-, Sach- und Fach-Buch sondergleichen“, wie der Herausgeber selbstbewusst im Untertitel vermerkt. Im Jahr 1989 veröffentlicht er diese großformatige, faustdicke Strichkunstbibel mit Aufsätzen und Anekdoten, mit Witzanalysen und Strichbeispielen von der Höhlen- bis zur Gefängniswandzeichnung, von Buonarroti über Barks bis Brösel, von Steinberg und Sempé über Feininger bis Crumb und dessen Vorvater Carracci.

          In der Schar der frappanten Doppelbegabungen der Neuen Frankfurter Schule, zu deren Nukleus er zählte, war Bernstein als Zeichner wie als Dichter der neugierigste, der radikalste und sperrigste. „Exprmntelle Lürik“ floss ihm ebenso aus der Feder wie der letztgültige Kampfruf „Der Reim muss bleim!“. Konventionen interessierten ihn nicht die Bohne, Marktkonformität verachtete er, Geschrei und auch das Rampenlicht waren seine Sache nicht.

          Während Robert Gernhardt als Dichter und F. K. Waechter als Zeichner immer berühmter wurden, kümmerte er sich als langjähriger und weltweit einziger Professor für Karikatur und Bildgeschichte unter der Tarnbezeichnung „Professor Weigle“ lehrend um den Nachwuchs, prägte eine ganze Generation von Cartoonisten und Zeichnern, zuletzt an der Berliner Hochschule der Künste. Als Komikforscher entdeckte er das „Gesetz von den drei großen G der Karikatur“ („Gritik, Gomik und Graphik“), als Praktiker befreite er die bundesdeutsche Nachkriegskomik von ihrem rostigen Biedermeierkorsett.

          Aus dem Buch „Meister der komischen Kunst - F. W. Bernstein“: Goethes Farbenlehre.

          „Ich wurde am in als Sohn des und der geboren. Das war 1938“, eröffnet der als Fritz Weigle im schwäbischen Göppingen Geborene seinen Kleinstaufsatz „Der Zeichner als Mensch“. An der Kunstakademie Stuttgart lernt er seinen Freund und späteren Weggefährten Robert Gernhardt kennen, gemeinsam machen sie sich 1964 auf nach Frankfurt, in die Redaktion des gerade gegründeten Satireblattes „Pardon“ – und von dort aus direkt in die deutsche Komik- und Literaturgeschichte.

          Im Verbund mit dem „Pardon“-Graphiker F. K. Waechter befüllen Bernstein und Gernhardt die doppelseitige Rubrik „Welt im Spiegel“ mit einer bis dahin nie gesehenen Mischung aus Text und Reim, Bild und Cartoon, aus Nonsens, Satire und schieferer Bedeutung. Bereits im September 1964, in der ersten Ausgabe der „WimS“, leitet Bernstein seinen hochwissenschaftlichen Aufsatz „Haben wir zu viele Dimensionen?“ mit den wundersamen Worten ein: „Der Hektar – Bei den alten Griechen galt er als Göttergetränk.“ Mit der 1966 zu dritt verfassten Fake-Biographie über den verkannten Großkünstler „Arnold Hau“ schaffen „Die Drei“ (so ein späterer Sammelbuchtitel) ein bis heute gültiges Standardwerk avancierten Humors.

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