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Zum Tod von F.W. Bernstein : Schaut euch nur den Weigle an!

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Bernsteins längst zum Volksgut gewordenen Zweizeiler „Die schärfsten Kritiker der Elche/waren früher selber welche“ wurde der Komik-Claim der Neuen Frankfurter Schule, dieser pointenschlagenden Verbindung gegen Ernstler, Windmacher und unberufene Sinnstifter. Die „Pardon“ prägte er, die von ihm mitgegründete „Titanic“ füllte er von der ersten Ausgabe an. Er ließ Schränke voller nasser Hemden durch die Nacht gehen, beschwor die „Weltmacht Wachtel“ („Schaut euch nur die Wachtel an!/Trippelt aus dem dunklen Tann;/tut grad so, als sei sie wer./Wachtel Wachtel täuscht sich sehr.“), schrieb Oden und Balladen und beherrschte neben der Lang- und Kurz- auch noch die Kürzestform, belegt etwa durch das Gedicht „Siebzehn Bier“: „Obazahlnischkannnnnischmehr!“/„Das waren siebzehn Bier, der Herr!“ Die mittelkurzen Meisterwerke wollen aber auch nicht vergessen sein: „Zu Mannheim stand ein Automat/um die Jahrhundertwende,/der jeden an das Schienbein trat,/der dafür zahlte. Ende.“

Privat trat der stets höfliche, leise Mann niemandem vors Schienbein, sondern beschied sich in vornehmer Zurückhaltung. So sehr, dass sein Freund und NFS-Kollege Eckhard Henscheid, der schon früh das Loblied auf „den reifen F. W. Bernstein“ sang, ihn einen „unverbesserlichen Sich-klein-Macher“ nannte. Mit Henscheid hämmerte er am Flügel vierhändig Brahmswalzer, illustrierte dessen Opernbücher (nachdem er selbst mit „Richard Wagners Fahrt ins Glück“ eine vollständig gereimte Wagner-Biographie vorgelegt hatte), 1982 gaben die beiden, zu Goethes hundertfünfzigstem Todestag, das 1159 Seiten mächtige Kompendium „Unser Goethe“ heraus, ein bescheiden nur „Lesebuch“ untertiteltes Universalwerk, das praktisch alles versammelt, was jemals an freiwillig und unfreiwillig Komischem und Absonderlichem über die berühmte Weimarer Geheimratsecke geschrieben und gedichtet wurde.

Professor Bernstein, der beispielhaft gepflegte Herr in Dreiteiler und vorbildlich gestutztem Schnauz, war grundsätzlich nie ohne Stift anzutreffen. Er zeichnete immer. Überall. Dauernd. „Skizzen vor Ort, das gehört zum G’schäft“, murmelte er leis’ beiseit’ mit seiner leicht brüchigen Stimme. Einen „besessenen Zeichner“ nannte ihn der NFS-Kompagnon Hans Traxler.

Und wenn der Kollege Waechter die flirrende, oszillierende Schraffur zu seinem Markenzeichen gemacht hat, dann war Bernstein für die akribisch ausgerichtete, schon architektonisch anmutende Abschattung zuständig. Doch im Vordergrund waberten wild kolorierte Pixelparks, expressiv geschleuderte Bildfluchten und jäh stürzende Perspektiven. Pasticcios, Scribbles, Aquarelle zaubert Bernstein auf die Schnelle, ritzt Prospekte, zeichnet Skizzen, auf denen Leute steh’n und sitzen, laviert, schraffiert und krayonniert, mit Ruß und Sepia wird tuschiert, mit Tinte, Tusche, Wachs und Blei, mit Tempera aus Öl und Ei, aus Pigment und Weizenbier auf Lösch- oder Ingrespapier, mit Feder, Spatel, Stift und Kiel, mit Schwung, Esprit und viel Gefühl, mit einfach allem drum und dran – so schaut Sie ein Bernstein an.

Von der stupenden Kraft seiner Stricherei konnte man sich jüngst im Schloss Philippsruhe der Stadt Hanau überzeugen, die ihrem diesjährigen Ludwig-Emil-Grimm-Preisträger FWB zum achtzigsten Geburtstag eine imponierende Ausstellung bereitete, inklusive Wandfries und pastos bemalter Badematten. Erst im vergangenen Jahr legte Bernstein mit seinen „Frischen Gedichten“ noch einmal ein beglückendes Kompendium komischer Gedichte vor, in das aber auch schon melancholische Schleier eingewoben waren: „Die Zeit ist um./Es ist so weit./Wir sind schon in der Nachspielzeit./Schlusspfiff! Jetzt wird auferstanden!/Skelette raus, soweit vorhanden; auf die Bühne zum Finale!/Weltgericht!“

Jetzt kam die traurige Nachricht: Fritz Weigle ist nach langer, schwerer Krankheit am Donnerstag in Berlin gestorben. Die gute Nachricht aber lautet: Professor Weigle ist nicht tot, er ist ja nur gestorben; F. W. Bernstein wird für immer leben. So ist das eben.

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