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Zum Tod von Adam Zagajewski : Das Rauschen der Engelsflügel

„Der Schreibende sollte die Idioten der Linken und die Idioten der Rechten sehr genau beobachten“: Adam Zagajewski (1945 bis 2021). Bild: dpa

Ost und West, Heiterkeit und Melancholie: Mit dem Polen Adam Zagajewski stirbt ein Jahrhundertdichter und herausragender Essayist.

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          Der Dichter Adam Zagajewski schrieb ebenso höflich wie eigensinnig. Mit seinen Gedanken wollte er nicht auftrumpfen, nur mitteilen, dass er sie habe. Wenn er spürte, dass seine Zeilen auf seine Zuhörer stark wirkten, blieb er diskret. So entdeckten nur Bücherleser, nicht Nachrichtengucker seine Originalität, seinen rabiaten Zartsinn. Noch einmal, nach Czeslaw Milosz, Zbigniew Herbert und Wislawa Szymborska, trat ein polnischer Jahrhundertdichter auf, dessen Lyrik von der Epoche der Totalitarismen gezeichnet war, aber keine Grenze durch Ost und West anerkannte. Der leuchtende Epiphanien des Alltags schuf, aber niemanden bekehren wollte. Der den Dreck des zwanzigsten Jahrhunderts sah und die Heiligkeit im Detail.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Adam Zagajewski wurde 1945 in Lwów geboren, das einst polnisch war, zeitweise Lemberg hieß, dann der Sowjetunion einverleibt wurde und heute auf Ukrainisch Lwíw heißt. Als Kind kam er mit seinen Eltern nach Gliwice (das schlesische Gleiwitz), und der Überfall der deutschen Truppen auf Polen am 1. September 1939 ist eine der Brandspuren in seinem Werk. Als er 1975 im kommunistischen Polen den regimekritischen „Brief der 59“ unterschrieben hatte und bald darauf als Dissident ins Ausland gegangen war – kurz nach Berlin, dann nach Paris und Houston –, trug er das blasse Bild des Heimatortes mit sich durch die Welt und schuf nach einer Wiederbegegnung mit Lemberg ein Stück Erinnerungsarchäologie, die weder tröstende Sehnsucht noch endgültiges Ablegen erlaubte.

          Sein Schreiben füllte die Leerstelle. Alle Schwierigkeiten, als Dichter im Exil in einer Sprache zu arbeiten, die andere nicht verstehen, nahm er in Kauf. Das Polnische und die polnische Geschichte aber waren für ihn „wie ein glühender, brausender Keramikofen“, in dem „die Gefäße von Poesie und Prosa gebrannt wurden“. Die wichtigste Auswahl seiner Lyrik im Deutschen heißt „Unsichtbare Hand“ (2012), übersetzt von Renate Schmidgall, die uns auch das auf dieser Seite abgedruckte, aus seinem zuletzt auf Polnisch erschienenen Lyrikband erschienene Gedicht zur Verfügung gestellt hat. Ein Moment seines Weltruhms war gekommen, als der „New Yorker“ in der Trauerausgabe nach den Anschlägen vom 11. September 2001 diese (älteren) Zagajewski-Verse veröffentlichte: „Besinge die verstümmelte Welt / und die graue Feder, die die Drossel verlor, / und das sanfte Licht, das umherschweift und verschwindet / und wiederkehrt.“

          Gegen die automatisierte Ironie

          In seinem fabelhaften Essayband „Verteidigung der Leidenschaft“ (Deutsch 2008) protestiert Zagajewski gegen den automatisierten Gestus der postmodernen Ironie, nämlich: Erhabenheit von vornherein zu belächeln; Metaphysik für irreal zu halten; über jeden hohen Ton reflexhaft die Nase zu rümpfen und die Dinge schon klein zu machen, bevor man ihre Größe ermessen hat. Ironie reiße Löcher in Mauern, sagt Zagajewski, aber dafür müsse es eine Mauer geben.

          2002 ging Zagajewski, längst berühmt, nach Krakau zurück. Ohne Idealisierung, aber mit wachem Gehör für Kirchenglocken und das Rauschen der Engelsflügel hat er die Stadt besungen, auch in zauberhaften autobiographischen Skizzen mit dem Titel „Ich schwebe über Krakau“ (2000). Weitläufige Lektüren auf Englisch, Deutsch, Französisch und Polnisch bilden den Hintergrund seiner Gedichte und Essays. Dank dieser Viersprachigkeit, so schrieb er, fühle er sich wie ein Mensch in einem U-Boot, das mit vier Periskopen über die Meere schaut. „Die sowjetischen Kosmonauten behaupteten, sie hätten / Gott nicht gefunden im Weltraum, aber haben sie gesucht?“

          In seinem Buch „Poesie für Anfänger“, das im kommenden Monat erscheint, steht die lakonische Beobachtung, dass „die westdeutsche Gesellschaft wohl als einzige auf der ganzen Welt ihr Gewissen erforschte und ihre schreckliche Schuld bekannte – doch zugleich zeichnete sich die 68er-Bewegung dadurch aus, dass ihr jeglicher Humor fehlte“. Das ist Zagajewski. Er will nicht nur ernst sein. Dichtung sei „Freude, unter der sich Verzweiflung verbirgt“, schreibt er. „Und unter / der Verzweiflung ist wieder Freude.“

          Sein Leben mag eine Mischung aus Überzeugung, Zufällen und chronologischen Launen gewesen sein, in seiner Dichtung wurde es zum exemplarischen Fall. Er selbst hätte das nie so grandios gesagt. „Ich bemühe mich, als freier Mensch zu sprechen“, steht in seinem neuesten Buch, „als halbwegs freier Mensch (übertreiben wir nicht).“ Ob all das einen Sinn habe, fragt sich jemand in dem Gedicht „Lohnte es sich“, also die Bildungsreisen in die Welt, die Blicke auf einen Vulkan, das Überstehen einer Krankheit und all das – „lohnt es sich wegzufahren und wiederzukommen, lohnt es sich – / ja nein ja nein – / nichts streichen.“ Jetzt ist der Dichter Adam Zagajewski im Alter von 75 Jahren in Krakau gestorben. Wir werden etwas kleiner, während wir ihn lesen, aber sind größer danach.

           

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