https://www.faz.net/-gr0-9d91q

V.S. Naipaul ist tot : Nicht Freundlichkeit war seine Mission

V.S. Naipaul mit seiner Frau Nadira beim Internationalen Festival der indischen Literatur im amerikanischen Neemrana (2002) Bild: dpa

Sich Freunde zu machen gehörte nicht zu seinem Programm. Er war nicht lieb, sondern stachelig und von großer Klasse: Zum Tod des britisch-karibisch-indischen Schriftstellers V. S. Naipaul.

          Bevor wir ihn loben – und es gibt genügend Anlass, V. S. Naipaul zu loben, denn er war ein kapitaler Schriftsteller und würdiger Nobelpreisträger –, ist es wohl am besten, mit der Tür ins Haus zu fallen: Er war ein harter, kompromissloser, eitler und oft mürrischer Mann und entsprechend unbeliebt bei vielen Kollegen. Grausam. Schlimm genug, um die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Eitelkeit hat sich in seiner Kunst nicht gespiegelt, deswegen darf sie hier Erwähnung finden. Im übrigen wäre es ihm egal gewesen, wie man über seine menschlichen Qualitäten spricht, sonst wäre er in seinem langen Leben von fünfundachtzig Jahren netter gewesen, vor allem zu seiner ersten Frau, deren Zerbrechen (es ist das passende Wort) die autoriserte Naipaul-Biographie von Patrick French schildert. Aber Naipaul war eben nicht nett, nicht warm oder rücksichtsvoll, und er hat unzählige Gelegenheiten ausgelassen, sich Freunde zu machen, besonders in „einflussreichen Kreisen“. In seiner Nobelpreisrede von 2001 bestand er auf dem Unterschied zwischen dem schreibenden Ich und dem lebenden Ich, dem Autor und dem Privatmann. Nur der erste sei von Belang.

          Damit wären wir schon beim Lob. V. S. Naipaul hatte enormes schreiberisches Talent und einen schlackenfreien Stil, so dass selbst die frühen Bücher zeitlos wirken – kein Ornament, kein Zeitgeist darin, erst recht keine exotischen Geschmacksverstärker als Zugeständnis an magische Lokalitäten. Woher auch? Das war ja sein Problem: von einem nichtswürdigen Nicht-Ort zu kommen, aber dazu gleich. Mit Anfang dreißig hatte Naipaul schon eine Handvoll Romane geschrieben, von denen kein einziger in Deutschland wahrgenommen wurde, geschweige denn übersetzt worden wäre. Unübersehbar: sein rasender, durchaus uncharmanter Scharfsinn, die zähe Energie und unerschöpfliche Neugierde. Deswegen ist das vorherrschende Stilmittel in der Mehrzahl seiner Bücher – die Bezeichnung „Reisebücher“ wäre verengend, es sind geopolitisch-kulturhistorische Essays, die aus dem Unterwegssein hervorgingen – die beharrliche Zeugenbefragung. Naipaul trifft jemanden, lässt sich etwas erklären, schreibt mit. Immer und immer wieder. Er selbst: oft missgelaunt. Doch er schreibt. Diese journalistische Urtugend prägt Tausende Seiten über Indien, Afrika, Lateinamerika, die islamischen Länder. Sie war sein Zugang zur Welt.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Eine Ahnung davon erhielten die Studenten der Universität München vor fünfunddreißig Jahren, weil der Mann, von dem es im deutschen Klappentext hieß: „geboren 1932 in Trinidad, Nachfahre indischer Kontraktarbeiter“ zu Lesung und Diskussion eingeladen war. Naipauls Ruhm auf dem Gebiet der postkolonialen Literatur war schon beträchtlich, in der Anglistik wurde das Thema immer wichtiger, und allmählich hatte es sich herumgesprochen, dass Naipauls Werk nicht nur die neue Weltliteratur im Zeitalter der Globalisierung war, sondern dass dieser Schriftsteller die heuchlerische Unterscheidung zwischen „Erster“ und „Dritter“ Welt obsolet machte.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Carsten Knop

          FAZ.NET-Sprinter : Europa in Wettlaune

          Deal oder No-Deal? London versinkt im Chaos – und wer auf ein zweites Brexit-Referendum tippt, könnte durchaus richtig liegen. Deutlich klarer sind dagegen die Beschlüsse aus Kattowitz. Was sonst wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.