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Rolf Dieter Brinkmann : Deine Briefe waren alle wild

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Die Bewusstseinserweiterung als wichtiges Thema

Den Alltag und seine prägenden Belastungen in einer möglichst ununterbrochenen Folge von „Sofortbildern“ aufnehmen – das ist der Antrieb für die Wiedergabe selbst der kleinsten Dinge bei Brinkmann wie auch bei Freyend. Mit der „Instamatic“ knipst – wie Brinkmann – auch der Maler seine Vorlagen. An vielen Stellen des Konvoluts glaubt man in Brinkmanns 1973 entstandenem Buch „Schnitte“ zu lesen, so sehr ähneln sich die Techniken, so dass man nun besser abschätzen kann, in welchem Umfeld diese Arbeit entstand. Warenkataloge, Kleidungsfotos, Wohnaccessoires strukturieren eigene Empfindungen. Die damals viel berufene Bewusstseinserweiterung finden wir in den Skizzen psychoanalytischer Betrachtungen, einem besonderen Interessengebiet Freyends, das in den Tagebucheinträgen, aber auch in den Collagen aus Zeitungsausschnitten oder Fotos aus Sexheften zum Ausdruck kommt.

Solche Splitter konfrontiert der Maler, genau wie Brinkmann, mit entfremdend montierten Schlagzeilen oder schneidet Heile-Welt-Szenen mit Katastrophenfotos zusammen. Das Wort „Bewußtseinsbombe“ aus einem Brief Brinkmanns greift Freyend dankbar auf und ergänzt es um einen Magazinbericht über die unaufhaltsamen Fortschritte des „rationalen Humanismus“, in dem sich die Wissenschaftsgläubigkeit der Zeit selbst entlarvt. Die Durchdringung unserer Lebenswelt bis ins Haptische hinein sollten damals die Objekte fühlbar machen, die heute wie fremd gewordene Gegenstände aus einer anderen Zeit wirken: Bahnfahrkarten aus dickem Karton, Sicherheits-Zündhölzer, Champagnerdeckel und Zigarettenschachteln sind mit Texten zu hochassoziativem Material kombiniert, das uns die vergangene Gegenwart näher bringen soll. Die „alltägliche Programmierung unseres Bewußtseins“ kann man in der verdichteten Anordnung tatsächlich erkennen, aber dass deswegen schon die „Sinnlichkeit verschüttet“ gewesen sei, wie Freyend meint, ist eine Folgerung, der die bunten Bücher selbst widersprechen.

Künstlerische Gestaltung von Wahrnehmung

Das Panorama der „menschlichen Bedingungen“ vor fast fünfzig Jahren wird am ehesten anschaulich in der künstlerischen Gestaltung von Wahrnehmung. Die Darstellungen zu „Licht und Sehen“, ein Blick aus dem Fenster, die Filmskizze zu einem Traum oder das Aquarell mit einem zerstörten blauen Volkswagen Käfer verraten mehr von der „Psychologie des Unerreichbaren“ als jede vom Tag diktierte Collage.

Bild des Dichters: Dieses Porträt von Rolf Dieter Brinkmann zählt ebenfalls zum Nachlass.
Bild des Dichters: Dieses Porträt von Rolf Dieter Brinkmann zählt ebenfalls zum Nachlass. : Bild: Patrick Slesiona

Alles in allem: ein reichhaltiges Kaleidoskop der Sehnsüchte, Erwartungen und der verflogenen Hoffnungen. Man sieht das auch am gemeinsamen Ringen um einen neuen Realismus. Er müsse wegkommen von den altbekannten Intentionen, hin zur Intuition, notiert Freyend 1971 in der ersten Kladde und lässt Abhandlungen zu Malerei und Fotografie folgen. „Denke nicht, Henning, male!“ sekundiert Brinkmann. Freyend hält einzelne Schritte fest, wenn es darum geht, ein neues Bild zu machen und er dokumentiert sein intensives Studium der amerikanischen Kunst neben der Pop Art. Die Malerei zwischen Realismus und Abstraktion, die damals aktuellen Werke der „New York School“ finden wir in eingeklebten Kopien von Philip Pearlstein, der den Hyperrealismus eines Duane Hanson, Chuck Close oder Richard Estes durch eine erfundene symbolische Figuration verändern wollte. Das Verfahren setzt das Programm einer unendlichen Vielzahl von Näherungsweisen an den Gegenstand, die Suche nach einer „neuen Sensibilität“ bildnerisch um.

„Deine Briefe waren alle wild, und für mich erfrischend zu lesen“, lobt Brinkmann den Austausch mit dem Malerfreund aus Kölner Tagen und schickt ihm am 24. Mai 1972 eine Ansichtskarte aus Vechta, geschrieben bei einem seiner letzten Besuche in der Heimatstadt. „Zeigen, was ist“ war die Maxime Freyends und „Sagen, was ist“ die Devise Brinkmanns. Beide Künstler finden in ihrem Verständnis der Form als eigenem Wert zusammen.

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