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Nachlass von Max Brod : Seiner Bedeutung war er sich gewiss

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Der österreichische Schriftsteller und Philosoph Max Brod am 27. Juni 1964 in Prag. Bild: Picture-Alliance

In Israel ist Max Brod heute viel populärer als dessen Freund Franz Kafka. Über Brods Nachlass ist lange gestritten worden. Jetzt ist klar: Er gehört nach Jerusalem.

          Lässt sich Max Brod ohne Franz Kafka denken? Offenbar kaum, wenn es um den Nachlass des Verwalters, Freundes und Bewahrers geht. Dabei war Brod zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts noch der weit erfolgreichere Schriftsteller. Im letzten Augenblick vor dem Einmarsch der Wehrmacht nach Prag floh Brod nach Palästina und nahm Kafkas Schriften mit nach Tel Aviv, wo er 1968 starb. Nun sind die letzten Kartons seines Nachlasses aus Zürich und Berlin in der israelischen Nationalbibliothek angekommen. Darunter befinden sich von Kafka drei verschiedene handschriftliche Entwürfe zu „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“, Hunderte Briefe an Freunde wie Brod sowie bisher unveröffentlichte Zeichnungen.

          Um dieses Erbe ist lange gestritten worden. Brod hatte seiner Sekretärin Esther Hoffe seinen Nachlass übertragen, die damit nicht eben pfleglich umging. Einen Teil hatte sie offenbar verkauft, einst behauptete sie auch, Einbrecher hätten Dokumente gestohlen. Jedenfalls lagerten bis zuletzt kistenweise Dokumente in einem Zürcher Bankschließfach, zudem stellte das Bundeskriminalamt in Wiesbaden in einem Zufallsfund Tausende Manuskriptseiten sicher, nachdem ein Kunstfälscherring aufgeflogen war. Gerichte haben entschieden, dass diese nach Israel zurückzubringen sind. Gestern hat der Chefarchivar der Nationalbibliothek in Jerusalem fünftausend Blätter aus Deutschland und mindestens ebenso viele aus Zürich feierlich entgegengenommen.

          Dabei hätte eigentlich Brod im Mittelpunkt stehen sollen. „Fünfundneunzig Prozent der Materialien, die wir nun haben, sind Brod, das schließt auch die Dokumente aus Berlin und der Schweiz ein“, sagt Stefan Litt, der für den deutschsprachigen Bestand zuständige Archivar der Nationalbibliothek. Aber auch die israelische Bibliotheksleitung stellte Kafka in den Mittelpunkt ihrer Präsentation: „Es ist nun klarer als je zuvor, dass die Nationalbibliothek in Jerusalem das rechtmäßige Zuhause für die Brod- und Kafka-Papiere ist“, so der Bibliotheksvorsitzende David Blumberg. Ein israelischer Rechtsanspruch auf anderes Kafka-Material lässt sich daraus wohl nicht ableiten.

          nveröffentlichte Briefe von Franz Kafka, Teil des Nachlasses von Kafka-Freund Max Brod (1884-1968), den die israelische Nationalbibliothek nach jahrelangem Rechtsstreit veröffentlicht hat.

          Stefan Litt sichtet den schriftlichen Brod-Nachlass weitgehend allein. Und Brod war ein Vielschreiber: ein Kulminationspunkt der damaligen europäischen Literaturszene, der Tausende Briefe verfasste, die heute unschätzbare Quellen bieten. Sein Tagebuch der Treffen des Prager Kreises aus dem Café Savoy, wo er sich mit Kafka, Samuel Hugo Bergman oder Oskar Baum traf, liegt jetzt auch in Jerusalem, ebenso wie das Manuskript seines Buchs über die Gruppe. Im Gegensatz zu Kafka war Brod sich seiner Bedeutung offenbar ziemlich sicher. Jedenfalls hatte er sogar seine Schulhefte aufbewahrt und mit nach Tel Aviv gebracht.

          Die Lieferung aus Berlin umfasst ein nahezu komplettes Manuskript eines früheren Buches aus den zwanziger Jahren, „Die Frau die nicht enttäuscht“. In dem Roman tauchen auch zionistische Ideen auf. Neben Tagebüchern ist Brods frühe Korrespondenz mit seiner ersten Frau Elsa erhalten, die 1942 in Israel starb. Elsa kannte Brods Freunde gut, und man tauschte sich auch über Kafka aus, „über das, was er gesagt und gemacht hat, das sind natürlich alles tolle Sekundärquellen“, sagt Litt.

          Eine unveröffentlichte Zeichnung von Franz Kafka, Teil des Nachlasses von Kafka-Freund Max Brod (1884-1968), den die israelische Nationalbibliothek nach jahrelangem Rechtsstreit veröffentlicht hat.

          Größere Bekanntheit haben trotzdem die rund zweihundert Original-Briefe von Kafka an Brod, auch wenn sie bereits kopiert und publiziert wurden. Da Kafkas Werke nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen, sollen diese Schriften sofort digitalisiert werden. „Woran wir denken, ist die digitale Zusammenführung eines Franz-Kafka-Portals mit allen Sachen, die es gibt“, sagt Litt. Die Zusammenarbeit mit dem Literaturarchiv Marbach etwa sei mittlerweile kollegial und kooperativ, „wir möchten die Beziehungen auch ausbauen.“

          Bei Brod dagegen gilt noch Urheberrechtsschutz. Dessen Nachlass gehört nun einer öffentlichen Stiftung, die durch die Nationalbibliothek betreut wird. Sie hat den Auftrag, „dafür zu sorgen, dass der Nachlass allen zur Verfügung steht, die daran arbeiten dürfen, und dass das Werk von Brod verlegerisch relevant bleibt“, sagt Litt. Während Kafka die letzten Jahre seines Lebens etwas Hebräisch gelernt hatte – sein Lernheft befindet sich nun ebenfalls in Jerusalem –, bleibt dessen persönliche Verbindung zum Zionismus uneindeutig. Bei Brod, der die israelische Identität gleichsam dazugenommen hatte, ist das anders. In Tel Aviv wirkte er als Dramaturg am Habima-Theater, wo er Kafkas „Schloss“ auf die Bühne brachte. Und wenn Brod im österreichischen Kurort Bad Gastein weilte, habe er sich gefreut, dort Israelis zu finden. „Wie schön, dass wir dort alle zusammen sitzen“, schrieb Brod darüber einst.

          Früher wurde Kafka in Israel noch in den Schulen gelesen, heute passiert das kaum mehr. Brod ist öffentlich präsenter. Jedenfalls ist in Israel keine Straße nach Kafka benannt, drei Straßen sind es aber nach Brod, dem Träger des Bialik-Literaturpreises. Die israelische Nationalbibliothek hat sich verpflichtet, eine Anthologie von Brods wichtigsten Werken auf Hebräisch herauszugeben. Litt sagt, er könne sich vorstellen, „dass Brods ältere Romane, die sich teilweise gar nicht schlecht lesen, vielleicht einen gewissen Anklang hier in Israel finden“. Literarische Rückblicke wie etwa Stefan Zweigs „Die Welt von Gestern“ sind populär in Israel. „Das ist eine Welt, die viele Menschen in Israel kennen aus den Geschichten ihrer Eltern und Großeltern, die von früher, vom Leben in Europa erzählten, und das ist letztlich auch das, was Max Brod in seinen frühen Romanen tut, wenn er die Bäderwelt in der Sommerfrische beschreibt, die jüdischen Familien, die dort hinkommen, und die Interaktionen und ersten zionistischen Diskussionen.“

          Brod hätte guten Grund gehabt, mit Deutschland zu brechen. Er tat es nicht. Sein Bruder Otto, selbst schriftstellerisch tätig, wurde in der Gaskammer umgebracht. Max Brod rettete ein Schauspiel, das Otto in Theresienstadt geschrieben hatte; es war dort viermal aufgeführt worden. Auch dieses Typoskript gehört zum Nachlass.

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