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Mirjam Pressler wird 70 : Verschweigen macht Bauchweh

Presslers Anteilnahme hat eher die präzise Darstellung zum Ziel als die explizite Anklage Bild: dpa

Manchmal gibt es keinen besseren Rat, als schnell erwachsen zu werden - sagt eine Autorin, die es wissen muss: Mirjam Pressler fing erst mit vierzig Jahren an zu schreiben. Sechzig Bücher später feiert sie heute ihren Siebzigsten.

          „Überlebt ein Kind seine Kindheit trotz widriger Umstände, dann wird es als erwachsener Mensch freier in seinen oder ihren Gedanken sein. Es gibt einfach Situationen, in denen man einem Kind keinen anderen Rat geben kann, als möglichst schnell erwachsen zu werden.“

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein ungeheurer Satz, allerdings, wie es scheint, aus berufenem Mund. Mirjam Pressler, die in einer Pflegefamilie aufwuchs und als Elfjährige in ein Kinderheim kam, hat oft erkennen lassen, dass sie weiß, was eine schwere Kindheit ist - in Interviews, aber auch in autobiographisch getönten Romanen wie „Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen“ von 1994. Die Autorin, die erst als knapp Vierzigjährige mit dem professionellen Schreiben begonnen hatte, legte rasch einige Romane vor, die für Kinder und Jugendliche verfasst waren und die für die jungen Protagonisten weder einfache Schicksale noch einfache Lösungen bereithielten.

          „Das schmeckt nach Erlebtem“

          Damit passten sie zwar in den Trend des „realistischen Jugendbuchs“ der Siebziger und Achtziger - „das ist nicht ausgedacht, das schmeckt nach Erlebtem“, sagte ihr erster Lektor Hans-Joachim Gelberg zu Recht -, vermieden aber die Untiefen dieser Richtung: Die bald vielfach ausgezeichnete Autorin, die in häufigen Lesungen das Gespräch mit ihrem Publikum suchte und bis heute sucht, opferte in Romanen wie etwa „Bitterschokolade“ oder „Novemberkatzen“ ihrem Anliegen nicht die literarische Form, ihr Engagement geht nicht auf Kosten der Kunst, und ihre Anteilnahme hat eher die präzise Darstellung zum Ziel als die explizite Anklage. Das heißt nicht, dass sie absichtslos erzählte: „Ich will, dass Kinder kapieren, dass sie an den äußeren Umständen nicht schuld sind, dass nicht immer sie es sind, mit denen etwas nicht stimmt“, sagt sie, und dazu dürfe man der Realität nicht ausweichen: „Durch Verschweigen und Verbergen wird die Welt nicht heiler, man bekommt nur Bauchweh davon.“

          Mirjam Pressler: „Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen.”

          Die Autorin von über sechzig Büchern, die als junge Frau einige Zeit in Israel verbrachte, hat sich zuletzt in Romanen wie „Nathan und seine Kinder“, „Golem stiller Bruder“ oder „Shylocks Tochter“ Stoffen zugewandt, die das Verhältnis zwischen Juden und Christen thematisieren. Verdienste als Vermittlerin hat sie sich auch als Übersetzerin erworben, etwa mit Büchern von Bart Moeyart, Julia Donaldson, Zeruya Shalev oder Amos Oz. Und nicht zuletzt mit ihrer Übertragung des Tagebuchs der Anne Frank, dem sie jüngst das große dokumentarische Werk „Grüße und Küsse an alle“ über Franks Familie folgen ließ. Heute feiert Mirjam Pressler ihren 70. Geburtstag.

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