https://www.faz.net/-gr0-9sf9j

Houellebecq-Hörspiel-Box : Mit diabolischem Vergnügen

  • -Aktualisiert am

Michel Houellebecq 2016 im Savoy Hotel in Berlin Bild: Jens Gyarmaty

Hörspiele kompensieren die Schwächen von Romanen: Mit verzweifelter Gutmütigkeit und feiner Ennuie setzt eine „Hörspiel-Box“ den wichtigsten Romanen Michel Houellebecqs ein Denkmal.

          4 Min.

          Bindungslosigkeit, Depression, der tendenzielle Fall der Lustrate ins Defizitäre und die Kollateralschäden der gesellschaftlichen Liberalisierung – das sind die Themen des Schriftstellers Michel Houellebecq. In der Sammlung von Hörspielen nach seinen vier wichtigsten Romanen kommen sie nun in ihren werkübergreifenden Zusammenhängen zur Geltung.

          Die Hörspiele nutzen die Stärken der Romane: die zugespitzten Thesen, die prägnanten Szenen, die pointierten Dialoge. Und sie kompensieren die Schwächen. Auf Beschreibungen verwendet Houellebecq wenig Mühe; die Hörspiele fügen die fehlende Atmosphäre hinzu, durch die Geräuschkulissen des modernen Alltags oder die Tanzmusik in den Tempeln des Vergnügens, wo Michel Houellebecqs Figuren allerdings meist wenig Spaß haben.

          Das gilt für den Informatiker Michel im Debütroman „Ausweitung der Kampfzone“. Zu stampfender Musik und einer höhnisch wirkenden Pfeifmelodie trägt er die Grundthese des Autors vor: „Wie der Wirtschaftsliberalismus erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung.“ Einen sexuell völlig „pauperisierten“ Mann führt der Roman in Gestalt von Michels Kollegen Tisserand vor. Er hat das Aussehen einer „Kröte“ und ist mit achtundzwanzig noch „Jungfrau“ – Erich Bar spricht ihn mit verzweifelter Gutmütigkeit. Man denkt wieder an Tisserand, wenn am Ende im Hörspiel „Unterwerfung“ der Dozent Loiseleur auftritt, der als abgerissen wirkender Gelehrter sein Schicksalsverwandter ist.

          Die Freuden der Unterwerfung

          Die Hauptfigur des Romans, der Literaturwissenschaftler François, vermutet, „dass er mit sechzig Jahren noch jungfräulich ist“. Plötzlich aber macht Loiseleur etwas her – und entpuppt sich als zufriedener Ehemann: „Sie haben eine Frau für mich gefunden, eine Studentin aus dem zweiten Studienjahr.“ Sie – das sind die Vertreter der neuen islamischen Ordnung, deren Vorteile hier mit Händen zu greifen sind. Der Schritt von den Qualen der Liberalisierung zu den Freuden der Unterwerfung ist vollzogen.

          In „Unterwerfung“ wird man kein schlechtes Wort über den Islam hören. Nur eine gewisse Ironie, wenn er als Utopie für ein völlig zermürbtes Europa dargestellt wird, in dem nur noch die Krankenversicherung und das Finanzamt dem Leben eines Menschen Struktur gäben. Nach einem Mini-Bürgerkrieg kehrt in Frankreich im Jahre 2022 der Frieden eines moderaten islamischen Gottesstaates ein. Eine Welle der „Kollaboration“ setzt ein – dieses in Frankreich besonders pikante Thema setzt Michel Houellebecq mit diabolischem Vergnügen in Szene.

          Auch François lässt sich von den Vorteilen des neuen Systems überzeugen: eine gut dotierte Professur an der islamischen Universität Sorbonne und mehrere unterwürfige Ehefrauen sind Argumente, denen sich schwer widerstehen lässt. Kaum widerstehen kann man beim Hören auch den verführerischen Reden Robert Redigers. Im Roman ist der Leitintellektuelle der Islamisierung eine papierene Figur, die aus nichts als Argumenten (wenngleich sehr raffinierten) besteht.

          Dezente Saiteninstrumente

          Im Hörspiel gibt ihm die Stimme Christian Redls Räumlichkeit und Bodenhaftung; der treffende Sarkasmus und die überlegene Entschiedenheit des reaktionären Revolutionärs werden in seinen Reden hörbar, während im Hintergrund dezent orientalische Saiteninstrumente erklingen, die Atmosphäre und Ironie zugleich schaffen.

          Weitere Themen

          Wörter sind nichts Festes

          Yasmina Reza im Gespräch : Wörter sind nichts Festes

          Sprache als Heimat, Übersetzungen als Tragödie, eine Frauenrolle für einen Mann: Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza hat einen neuen Monolog geschrieben – „Anne-Marie die Schönheit“

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.