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Michel Houellebecq : Bernhard nahe sein

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Alle Menschen san eam zwider: Michel Houllebecq mit Gattin Lysis Li. Bild: Picture-Alliance

Zähmung eines Zynikers: Michel Houellebecq bekam den österreichischen Staatspreis verliehen. Zum Säulenheiligen taugt er jedoch nicht.

          Er hat es wieder gemacht. Von Michel Houellebecq darf man erwarten, dass er, sobald er an die Öffentlichkeit tritt, den Leuten Grobheiten auf den Kopf zusagt. Und diese Leute finden dann nach einigem Zögern, dass dieser Wüstling des Denkens ganz so falsch gar nicht liegt. Die Frage ist nicht, ob er es macht, sondern wen es diesmal trifft.

          Als er kürzlich in Salzburg vor den dortigen Festspielen den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur überreicht bekam, hatte er in seinem adrett höflichen Auftreten so gar nichts Provokantes an sich. Doch er hatte eine Rede vorbereitet, in der die Franzosen als selbstbezogene Spießer abschneiden und er der Höflichkeit, die immerhin „eine große soziale Tugend“ sei, als Heuchelei eine Absage erteilt. Beiläufig fielen Verhöhnungssätze über ganze Gruppen: „Es gibt eine ganze Reihe von Tierarten, deren Aussterben mir eher als etwas Gutes erscheint. Ebenso gibt es mehrere Kulturen, deren Verschwinden eher ein erfreuliches Ereignis war.“ Das klingt so absurd, dass sich darüber gut lachen lässt. Es gehört zur Poetik von Houellebecq. Mit dem Lachen schafft er es, dem Individuum „seine moralische Niedertracht und Bosheit vor Augen zu führen.“ Das Problem ist nur, dass die Hörer heiter zustimmen, sich selbst aber gern ausnehmen.

          Es fand eine Teufelsaustreibung statt

          Wer wird fertig mit Michel Houellebecq? Daniela Strigl zum Beispiel, die die Laudatio hielt und den Autor in einem klug durchdachten Essay einkreiste, ohne ihn fassen zu können. Sie hatte sich überlegt, sich die sieben Todsünden, die wahrlich starke Auftritte bekommen in den Büchern des Geehrten, als Motive zur Deutung des Werkes vorzuknöpfen. Das war erhellend und einleuchtend, sehr inhaltsbezogen, traf aber nicht den Kern eines Denkens, das stets aneckt und die Provokation sucht. Es fand eine Teufelsaustreibung statt, indem Strigl dem Autor konzedierte, kein ganz Schlimmer zu sein, immerhin führt er uns ja nur die katastrophalen Auswüchse unserer Gesellschaft vor. Bei Strigl arbeitet Houellebecq in Form eines intellektuellen Spiels ein Sündenregister ab.

          Rauchpause: Houellebecq mit Alexander Schallenberg, dem österreichischen Minister für Europa, Integration und Äußeres.

          Das aber kann nicht der ganze Houellebecq sein. Bald einmal finden wir einen Autor oder eine Autorin, die Bescheid wissen, was schiefläuft in unserer Gesellschaft. Deren Bücher wollen als Warnung gelesen werden, sind dazu da, uns moralisch aufzurüsten oder leisten das, was von kritischer Literatur unter halbwegs toleranten Verhältnissen selbst von Stützen des Systems eingefordert wird: Sie legen den Finger in die Wunde.

          Ein gleichgültiger Pessimist

          Nicht so bei Houellebecq. Wir müssen uns damit abfinden, dass es Literaten gibt, die auf Konsens mit gesellschaftlichen Übereinkünften pfeifen, es gar nicht darauf anlegen, die Welt zu ändern und ihre Bewohner zu aufgeklärten Menschen zu erziehen. Houellebecq ist Zyniker, ein gleichgültiger Pessimist, humanistische Ideale verhöhnt er. Ein dem Menschen zugewandter Zeitgenosse sieht anders aus. „Nicht selten empfinden Schriftsteller nämlich Verachtung und Antipathie nicht nur sich selbst gegenüber, sondern gegenüber der Menschheit im Ganzen“, so Houellebecq in seiner Dankrede. Das ist nicht so gemeint? Doch, das ist so gemeint.

          Deshalb bedarf es einer Abschwächungskünstlerin wie Daniela Strigl, um einen der letzten Wilden handzahm zu machen. Was wäre, wenn wir Houellebecq nicht zu deuten versuchten, indem wir beobachten, wie er einen Sündenkatalog abarbeitet, sondern wie er systematisch mühsam erkämpfte Werte kaputtschlägt? Dann sehen wir einen, der Trump lobt und die Europäische Union schlechtmacht und an den Errungenschaften der Aufklärung zündelt.

          Permanenter Ausnahmezustand

          Das Verstörende ist, dass Houellebecq selbst nicht Farbe bekennt. Er bezieht nicht Stellung, nimmt die Haltung der Gleichgültigkeit ein. Man kann leicht Houellebecq mit Houellebecq kontern. Das Vorrecht des Zynikers besteht darin, sich nicht festmachen zu lassen. Das muss kein Fehler sein, denn Literatur, die uns energisch Moral unterjubelt, brauchen wir schon gar nicht. Houellebecq grundiert seine Romane mit einem forschen „alle Menschen san ma zwider“-Standpunkt, und er denkt in Superlativen. Das ergibt einen permanenten Ausnahmezustand. Mit Houellebecq finden wir uns ständig alarmiert, so schrill, wie die Glocken läuten, tönt es auch aus seinen Büchern und Kommentaren. Für Zwischentöne ist er nicht zu haben, er betreibt sein Handwerk nicht selten grobschlächtig und aufdringlich.

          In seinem Schopenhauer-Buch bekennt er, in einer „Ära der Mittelmäßigen“ auf beschämendem intellektuellen Niveau zu leben. Immerhin, einer steht drüber! Am Samstag brach Houellebecq unter österreichischer Regierungsbegleitung zu einem Besuch des Hauses von Thomas Bernhard in Ohlsdorf auf. Das entspringt dem dringenden Wunsch Houellebecqs, dem alten Meister und sprachmeisterlichen Haudrauf, dem er sich verbunden fühlt, nahezukommen.

          Als Träger des Österreichischen Staatspreis steht Michel Houellebecq nun in einer Reihe mit den zuletzt Ausgezeichneten Zadie Smith, Karl Ove Knausgård und Andrzej Stasiuk. Zum Säulenheiligen taugt er indessen überhaupt nicht.

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