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Zum Tod von Hartmut Geerken : Spinat für Albert Einstein

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Der vielseitige Künstler Hartmut Geerken Bild: SZ Photo

In einem einzigen pulsierenden Satz vermochte er Erdteile und Jahrhunderte zu verbinden: Zum Tod des Dichters, Musikers und Mythenschöpfers Hartmut Geerken, der in verschiedenen Ländern zuhause und in vielfältigen Disziplinen tätig war.

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          Es gibt wohl kaum einen Künstler, der auf so verschiedenen Gebieten tätig war wie dieser weltgereiste Dichter, Musiker, Archivar, Ausstellungsmacher und Discjockey, Filmemacher, Herausgeber, Holzfäller, Komponist, Mykologe, Plakat- und Kulissenmaler, Shiitake- und Hummelzüchter, Schauspieler und Tonmeister.

          Als Autor von Gedichten, Prosa, Hörspielen und Essays schrieb Hartmut Geerken die kompromissloseste, in weiten Bögen denkende und sich artikulierende Literatur und gehört mit „bunker“, „kalkfeld“ und der Exil-Trilogie „Maßnahmen des Verschwindens“ zu den bedeutendsten Hörspielmachern weltweit. Die von ihm und Detlef Thiel herausgegebene „Edition Salomo Friedlaender/Mynona“ umfasst 33 Bände. Hinzu kommen fünf Bände mit Studien über Fried- laender. Das ist eine Herkulesarbeit. Als Mitherausgeber der wichtigen Reihe „Frühe Texte der Moderne“ sichtete und bewahrte er das literarische Erbe der klassischen Avantgarden.

          Interessiert an internationalen Mythen und Ritualen ebenso wie an der Zeitgeschichte, wie sie etwa in „phos“ (2005) autobiographLschen Ausdruck findet, war Geerken Mythenschöpfer in eigener Sache: In seinen Büchern, auch in Gesprächen, schrieb und sprach er sich her von Urgroßonkeln, Großvätern und Tanten, die ihren Beitrag zur Weltgeschichte zu leisten wussten: So habe sein Urgroßonkel Carl Schenk gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die moderne japanische Mineralogie begründet und sei später „massgeblich an der konstruktion der ‚golden gate bridge‘“ beteiligt gewesen, seine Tante Helene Lorch habe um 1910 „grosse mengen von spinat für den jungen physiker albert einstein“ konserviert, der „mit hilfe dieser sog. gehirnnahrung die relativitätstheorie entwickelte“. Johann Mannhardt, ein „vorfahr mütterlicherseits“, „war der erfinder des minutenzeigers der turmuhr und einer guillotine.“

          Literatur gewordene Selbstwahrnehmung

          Weilte er nicht für Jahre in fernen Ländern oder auf der griechischen Insel Gavdos oder war unterwegs zu einem Konzert mit seinen zahlreichen Musikerfreunden wie Famoudou Don Moyé oder dem Cairo Free Jazz Ensemble, gab es keinen Tag, an dem Geerken nicht in seinen Archiven arbeitete, seinem die Nachlässe verwaltenden Salomo Friedlaender-, Anselm Ruest- und (weltweit umfangreichsten) Sun Ra-Archiv, oder seinem unerschöpflichen Musikarchiv mit Aufnahmen jener Konzerte seit den Siebzigern, die er in den letzten zwanzig Jahren bei zahlreichen internationalen Labels veröffentlichte, der besseren Qualität wegen überwiegend als Langspielplatte. Ein Archiv, aus dem er kontinuierlich seine Bücher destillierte, war er sich auch selbst. Dieses Archiv bestand aus Gedächtnisarbeit und den vielen Notizbüchern, die er stets bei sich hatte. Seine Bücher sind das radikalste Zeugnis einer Literatur gewordenen unausgesetzten Selbstwahrnehmung, die im Eigenen immer das Andere und den Anderen erkennt. Träume spielten für seine Bücher eine ebenso große Rolle wie die Mitschrift der Umgebung und der Situation, in der ein neues Buch entstand. In einem Gespräch mit mir sagte er einmal: „Wenn ich über ein Thema schreibe und es fliegt ein Pfeil von Wildgänsen über mich hinweg, dann kommen die halt im Text auch vor.“

          Autobiographische Momentaufnahmen, Alltägliches wie Hochkulturelles, zur Hommage gewandelte Fremdbiographien oder (Jazz-)Musik in ihren ekstatischen Formen transformierte er mit dem Blick des Ethnologen und Orientwissenschaftlers in wundersame Texte. Die Jahre in Kairo (1966 bis 1972), Kabul (1972 bis 1979) und Athen (1979 bis 1983), wo Geerken als Dozent und Goethe-InstitutsLeiter tätig war, seine Reisen nach Pakistan, Indien, Ostasien, Afrika und Australien, nach Algerien und in die Türkei führten zu künstlerischen Kooperationen und veränderten seine Ästhetik.

          Die Strenge Ordnung des Gedankensprungs

          In einem einzigen pulsierenden Satz vermochte Geerken Erdteile und Jahrhunderte zu verbinden, der Leser geht auf assoziativen Freiflug und staunt über die neue Ordnung von Zeit und Raum, die seine fessellose Literatur hervorbringt. Bücher wie „Obduktionsprotokoll“ (1975), „mappa“ (1988) – zusammen mit dem Opus magnum „kant“ (1998) (alle bei Klaus Ramm in Spenge) und „phos“ (2005) sein wichtigstes – oder „moos“ (2010) sind Gedankenlesemaschinen, Bewusstseinsaggregate, Wahrnehmungssammelsurien, Gedächtnis- und Lektüreprotokolle, Hybride aus Prosa und Lyrik, Texte und Metatexte. In ihnen obwaltet ein enzyklopädisch zu nennendes Wissen und eine strenge Ordnung: die der Assoziation, der Analogie, des Gedankensprungs, des großen Anakoluths.

          Das Geerken-Kompendium „forschungen etc.“ (Waitawhile, 2006) mit Texten aus dreißig Jahren gibt den besten Überblick über das Denken und Schreiben des 1939 in Stuttgart geborenen Künstlers, der seit 1983 in Wartaweil bei Herrsching am Ammersee lebte. Wie jetzt bekannt wurde, ist er dort am Donnerstag gestorben.

          Michael Lentz lebt als Autor und Musiker in Berlin. Zuletzt erschien von ihm 2020 „Innehaben. Schattenfroh und die Bilder“ bei S. Fischer.

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