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Michel Houellebecq im Gespräch : Man braucht mehr Mut

Im Roman spielt nicht nur die Zukunft eine Rolle, sondern auch die Vergangenheit: Der Ich-Erzähler arbeitet als Literaturwissenschaftler an der Uni. Sein Spezialgebiet ist der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, ein Mann des neunzehnten Jahrhunderts. Zuletzt erinnerten Ihre Gedichte an Rimbaud und Lamartine. Fühlen Sie sich dem neunzehnten Jahrhundert besonders nahe?

Ja. Sehr viel mehr als dem zwanzigsten Jahrhundert.

Warum?

Das zwanzigste Jahrhundert hat für mich literarisch gesehen zwei Hauptfehler. Das eine ist der „Nouveau Roman“: formale Experimente zum Ziel von Literatur zu erklären. Damit kann ich nichts anfangen. Für mich erzählt Literatur von der Welt, sie erzählt von etwas und handelt nicht vor allem von der Sprache selbst. Das andere, was ich auch nicht mag, ist, die Literatur in den Dienst eines Engagements zu stellen, so wie es Albert Camus und Jean-Paul Sartre gemacht haben.

Und wie es jetzt auch die französische Schriftstellerin Christine Angot für sich in Anspruch nimmt. Nach der Lektüre Ihres Romans hat sie protestiert: „Die Literatur ist ein Ort der Menschlichkeit und der Nichtunterwerfung.“

Das, was Christine Angot sagt, sagt gar nichts. Es hat nichts zu bedeuten. Ich stehe in einer Tradition des realistischen Romans, in der von Gustave Flaubert und Honoré de Balzac. Im neunzehnten Jahrhundert wird der Roman in Frankreich ja sozusagen geboren. Nach der Revolution begriffen die Schriftsteller zum ersten Mal, dass die Gesellschaft etwas ist, das sich transformiert. Vorher, in der Tragödie und Komödie, war es um die ewigen Dinge gegangen. Balzac ist: sich das Ziel setzen, die Gesellschaft so zu beschreiben, wie sie sich unter den eigenen Augen verändert. Mit den neuen Ökonomien: dem Kapitalismus, der Macht der Bank, der Presse. Die Gesellschaft verändert sich immer noch, so dass die Mission von Romanautoren dieselbe sein kann. Ich berufe mich auf Balzac und Flaubert. Das meine ich, wenn ich sage, dass ich mich dem neunzehnten Jahrhundert nahe fühle.

Huysmans war ein Autor der Dekadenz. Hat die Idee der Erschöpfung und Überforderung etwas mit dem Leben heute zu tun?

Huysmans schloss sich zunächst den Naturalisten an. Was in seinen ersten Büchern auffällt, ist gar nicht so sehr die Erschöpfung, sondern die Tatsache, ständig herausgefordert zu werden. Das Leben ist kompliziert und will ständig etwas von einem. Ich bin in meinem Buch nicht weit genug gegangen. Es ist unmöglich, weit genug zu gehen, ohne dabei langweilig zu werden. Ab einem bestimmten Punkt ist das Leben eine Abfolge von Langweiligkeiten. Das ist das Problem, das es zu lösen gilt. Es gibt in meinem Roman doch den Moment, wo der Erzähler nach langer Abwesenheit nach Paris zurückkommt und Briefe von seiner privaten Zusatzversicherung vorfindet, die ihn informieren, dass er vergessen hat, einem Schreiben entsprechende Belege beizufügen. Bei Huysmans findet man solche Dinge auch. Er übertreibt dabei so sehr, dass es lustig und die Lektüre am Ende paradoxerweise belebend wird. Eine Tür, die klemmt, Dinge die man nicht reparieren kann: das ist Huysmans. Kleine anstrengende Scherereien.

Es gibt noch einen anderen Vergangenheitsaspekt, nämlich den der Kollaboration. Das Wort fällt im Zusammenhang mit jenen, die mit den Leitern der neuen „Islamischen Universität Sorbonne“ zusammenarbeiten. Geht es hier indirekt um Vichy? Um ein wiederkehrendes Gespenst der Vergangenheit?

Das kann man so sehen, da bin ich einverstanden. Der Philosoph Michel Onfray hat das so interpretiert, und es ist nicht falsch. Nazis sind die neuen Leiter der „Islamischen Sorbonne“ trotzdem nicht.

Stimmt. Ihr Erzähler stellt sich am Ende vor, wie einfach es für ihn wäre, wenn er zum Islam überträte. Es ist eine Art Kapitulation. Tut es Ihnen weh, wenn er im letzten Satz feststellt: „Ich hätte nichts zu bereuen“?

Ich hätte auch das Gegenteil schreiben können.

Ich hab’ automatisch an Edith Piaf gedacht, „je ne regrette rien“, und mich gefragt, ob es der ironischste Satz des ganzen Romans ist?

Es ist der doppeldeutigste Satz. Bei Piaf ist es anders. Wenn sie singt, dass sie nichts bereut, glaubt sie daran. Mein Erzähler weiß nicht, ob er es glaubt oder nicht.

Bereuen Sie, nach Deutschland gekommen zu sein?

Nein. Warum?

Nur so. War ein Witz.

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