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Zum Tod von Maya Angelou : Sie war Amerikas Volksdichterin

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Maya Angelou (4. April 1928 bis 28. Mai 2014) Bild: AP

Mehr als dreißig Bücher hat sie im Lauf ihres Lebens publiziert. Weltberühmt wurde sie 1993 mit ihrem Gedicht zur Amtseinführung von Bill Clinton. Mit 86 Jahren ist die Autorin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou nun gestorben.

          Im Alter von sechsundachtzig Jahren ist die amerikanische Dichterin und Bürgerrechtlerin Maya Angelou am Mittwoch in ihrem Haus im Bundesstaat North Carolina gestorben. Ihr Werdegang war abenteuerlich. Als Marguerite Annie Johnson am 4. April 1928 in St. Louis geboren, zog sie wenig später mit ihrer Familie nach Kalifornien. Sie war drei Jahre alt, als ihre Eltern sich trennten und ihre Mutter, eine Nachtclubsängerin, die mehrere Hotels und Bars besaß, sie mit ihrem älteren Bruder Bailey nach Stamps, Arkansas, schickte, um dort bei der Großmutter väterlicherseits zu bleiben.

          Als die kleine Maya vier Jahre später zu ihrer Mutter nach San Francisco zurückkehrte, wurde sie bald darauf, noch keine acht Jahre alt, von deren Freund vergewaltigt. Dieses Erlebnis und die Tatsache, dass der Mann wenig später zu Tode geprügelt wurde, ließen sie für die nächsten fünf Jahre, die sie nun wieder bei der Großmutter verbrachte, buchstäblich verstummen.

          Obwohl der Tod dieses Mannes in keinerlei Zusammenhang mit ihrer Vergewaltigung stand, war sie in dem Glauben, dass sie allein durch das Aussprechen seines Namens für seinen Tod mitverantwortlich gewesen sei. Sie glaubte, jeden zu töten, den sie beim Namen nannte.

          In der Zeit der Schweigens erwacht die Leidenschaft für die Poesie

          Ihr selbstauferlegtes Schweigen beendete Maya Angelou erst mit 13 Jahren, als ihr ein Lehrer sagte, sie werde Lyrik erst dann wirklich schätzen können, wenn sie die Worte auch ausspreche. Wie sie in ihrer späteren Autobiographie erklärte, habe allerdings gerade jene Zeit des Schweigens ihre Leidenschaft für Bücher, Sprache und Poesie entfacht, eine Zeit, in der sie versucht habe, ihren ganzen Körper „in ein Ohr zu verwandeln“. Angelou machte ihren High School-Abschluss und studierte später Modernen Tanz bei Martha Graham.

          Maya Angelou arbeitete als Nachtclubtänzerin, Sängerin, Prostituierte, Zuhälterin, Journalistin, Schauspielerin und Regisseurin und lebte unter anderem in Ghana und Ägypten. Sie war außerdem die erste weibliche schwarze Straßenbahnschaffnerin in San Francisco. Als Sängerin arbeitete sie in Hollywood mit Ikonen wie Billie Holiday, Harry Belafonte und Sidney Poitier zusammen, eine Tournee im Chor von „Porgy und Bess“ brachte sie 1954/1955 nach Europa. Prägend wurde für sie von 1959 an die Zusammenarbeit mit Martin Luther King, als sie Koordinatorin seiner Organisation wurde. Auch mit dem Bürgerrechtler Malcolm X war sie befreundet.

          Angelou galt als eine der bedeutendsten afroamerikanischen Autoren und Bürgerrechtlerinnen Amerikas. In Amerika zählt sie zu den meistgelesenen Autoren. In Deutschland wurden bisher nur wenige ihrer Bücher übersetzt. 2011 wurde sie mit der amerikanischen Freiheitsmedaille, der höchsten zivilen Auszeichnung der Vereinigten Staaten, geehrt. Insgesamt veröffentlichte sie dreißig, sieben davon sind autobiographisch.

          „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“

          Ihren größten Erfolg feierte Maya Angelou 1970 mit der Veröffentlichung ihrer Kindheits- und Jugenderinnerungen unter dem Titel „I Know Why the Caged Bird Sings“ („Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“), In 36 Episoden erzählt sie darin von dem Aufwachsen bei der puritanischen Großmutter im ländlichen Süden, den Zwischenstationen bei der Mutter, den Schulbesuchen, ersten Kontakten zur Arbeitswelt, ihrer Vergewaltigung in Kinderjahren und ihrer Schwangerschaft als Sechzehnjährige. Das Buch wurde in mehr als eine Million mal verkauft und später auch verfilmt.

          In mehreren Bänden setzte Angelou ihre autobiographische Arbeit fort, erzählte etwa von ihrer frühen Zeit als Nachtclub-Sängerin, ihren mehr oder minder erfolgreichen Versuchen, als Schauspielerin und Stückeschreiberin in New York zu überleben, ihrem Engagement für Martin Luther King und ihrer Redaktionstätigkeit in Ägypten, wo sie 1960 für den „Arab Observer“ arbeitete.

          „A Song Flung Up to Heaven“ (2002) wurde von der Fachkritik als Abschluss des bis dato insgesamt sechsbändigen autobiographischen Zyklus betrachtet, der Band beschäftigte sich mit der Zeit von 1964 bis 1968. Der „Guardian“ bezeichnete ihn als „Höhepunkt einer einzigartigen autobiografischen Leistung, eine glorreiche Feier des unbezähmbaren Geistes“. „Mom & Me & Mom“ folgte 2013 und war eine Hommage an ihre Mutter Vivan Baxter, mit der sie seit ihrer Jugend eine enge Beziehung verband. Einige Kritiker monierten zwar Widersprüche und Lücken zu ihren früheren Autobiographien, sprachen aber auch von einer wunderbaren Erzählung, die den Fokus auf Versöhnung lege.

          Das Inaugurations-Gedicht für Bill Clinton

          Der Erfolg ihres autobiographischen Erstlings steigerte auch ihren Bekanntheitsgrad als Dichterin. Ihr 1971 publizierter Lyrikband „Just Give Me A Cool Drink of Water ’Fore I Die“ wurde für den Pulitzer-Preis nominiert. Nicht nur ihrer Reputation als Lyrikerin, sondern auch dem kleinen Ort Stamps in Arkansas, wo sie einen Großteil ihrer Kindheit verbracht hatte, war es zuzuschreiben, dass der im November 1992 zum Präsidenten gewählte Gouverneur von Arkansas, Bill Clinton, sie dazu auserkor, ein Gedicht zu seiner Amtseinführung am 20. Januar 1993 zu schreiben und zu verlesen.

          Vor ihr hatte zuletzt 32 Jahre früher ein Autor bei ähnlichem Anlass eine Ode auf einen amerikanischen Präsidenten geschrieben - Robert Frost auf Clintons Vorbild John F. Kennedy. Nach dem Inaugurationsgedicht „On the Pulse Into Morning“ schnellte die Auflage ihrer Gedichtbände nach oben.

          Nach dem Tod von Nelson Mandela im Dezember 2013 verfasste Maya Angelou ein Gedicht zu seinen Ehren mit dem Titel „His Day is Done“. Der südafrikanische Freiheitskämpfer und Staatspräsident hatte bei seiner Amtseinführung 1994 eines ihrer Gedichte rezitiert.

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