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Autor Maxim Biller : Provokateur hat’s schwer

  • -Aktualisiert am

Der Schrifsteller Maxim Biller in seiner Wohnung, Berlin 2002 Bild: Frank Röth

Der Schriftsteller Maxim Biller poltert als Poetikdozent in Heidelberg. Es offenbart sich die Zerrissenheit eines Autors, der sich mit seiner eigenen Polemik im Weg steht.

          Soll man auf Maxim Billers Provokationen eigentlich noch reagieren, oder wäre es nicht besser, einfach darüber zu schweigen? Was seinen seit gut zwanzig Jahren wiederholten Vorwurf der gegenwartsdeutschen Schlappschwanzliteratur betrifft, die auf Erfahrungsarmut beruhe, ist die Antwort einfach: Schweigen wäre angebracht. Aber bis heute glaubt man offenbar damit irgendwo irgendwie noch Krawall machen zu können, und sei es, indem man, wie jetzt die „Welt“, einfach noch mal diese zu Tode genudelte These zur Überschrift eines affirmativen Artikels über Biller macht: „Schluss mit der Schlappschwanzliteratur!“, fast schon niedlich hinterherdackelnd, fast schon sterbenslangweilig.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Anlass für den besagten Artikel jedoch, Maxim Billers am vergangenen Montag abgeschlossene Heidelberger Poetikdozentur, wirft eine andere Frage auf, die wieder interessant ist: Warum eigentlich steht der Polemiker Maxim Biller dem Schriftsteller Maxim Biller ständig im Weg?

          In Heidelberg erklärte der Autor, dass es für ihn kaum einen Unterschied zwischen Journalismus und Literatur gebe. Beides diene, wenn nicht der Wahrheit schlechthin, so doch der Wahrhaftigkeit. Plädoyer für einen poetischen Realismus also oder für das, was in einer anderen älteren Feuilletondebatte als „relevanter Realismus“ bezeichnet wurde: fair enough.

          Antisemitismus und „immer rechter werdendes Land“

          Aber lustig ist es doch schon irgendwie, dass die literarischen Texte, die Maxim Biller selbst schreibt, viel differenzierter, viel ambivalenter, viel ironischer, viel witziger sind als die engagierte Literatur, als die nach „Straße“ und anderem Mist duftenden Erlebnisberichte, die er als Literaturkritiker immer wieder fordert und, blickt man auf die Produktion, damit womöglich auch schon einigen Schaden angerichtet hat.

          Wie passen sie also zusammen, der Kritiker und der Schriftsteller Biller? In einer aufschlussreichen Selbstdarstellung hat Biller bei seiner Dozentur nun noch einmal dargelegt, wie er der Kritiker wurde, der er ist, wie er als in Prag geborener Jude die Bundesrepublik seit 1970 erlebt hat, wie er sich zeitlebens an ihr rieb und wie verzweifelt er sich manchmal fühlt in einem „immer rechter werdenden“ Land, das heute in seiner Wahrnehmung nicht weniger antisemitisch ist als vor zwanzig, dreißig Jahren. Man hörte einen zynischen, einen oft unfairen, einen etwas größenwahnsinnigen und dabei doch auch sympathischen Polemiker, der fast wie im Battle-Rap manchmal unter dem Zwang zu stehen scheint, alle und jeden zu dissen, seien es Autoren, Kritiker oder auch nur der Durchschnittsdeutsche mit seinem „kleinbürgerlich schlechten Geschmack“.

          Poetik bleibt wenig beleuchtet

          Und man hörte bisweilen auch einen Biller, der mit sich selbst und seiner Außenseiterrolle hadert: „War mir nicht klar, dass ich mich mit diesen Sätzen nicht in die deutsche Literatur hineinschrieb, sondern aus ihr heraus?“, fragte er einmal. Merkwürdig nur, dass jene Sätze, auf die Biller sich mit dieser Frage bezog, wieder Sätze des Kritikers, nicht solche des Schriftstellers waren.

          Über seine Poetik erfuhr man von Maxim Biller leider fast gar nichts. Das ist schade, aber diese Verweigerungsgeste gehört eben auch schon längst zum Inventar der Poetikdozenturen landauf, landab, ob sie einem gefällt oder nicht.

          „Politisch und moralisch praktisch nichts erreicht“

          Die gute Nachricht indessen ist: Mit seinen literarischen Texten hat Maxim Biller sich längst in die (nicht nur deutsche) Literaturgeschichte eingeschrieben: Mit seinem Kurzroman „Harlem Holocaust“, mit seinen gegenwärtigen Liebesgeschichten in „Liebe heute“, mit der Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“ und dem Roman „Biografie“ – und folglich mit einer durchaus auch sehr provokanten, aber eben auch geschickt metafiktional verschachtelten, gewitzt intertextuellen, ständig mit „unzuverlässigen Erzählern“ spielenden und reizenden Literatur, die ihresgleichen sucht –, hat er sich in diese Geschichte hineingeschrieben, und sie wird bestehen, egal, wie stark die öffentliche Figur des Polemikers im Moment die des Literaten überstrahlt und damit vielleicht manchen Leser verschreckt.

          Wenn Biller, der sich in Heidelberg auch schon Gedanken darüber machte, was von ihm bleibt, das wüsste – könnte er künftig vielleicht ein bisschen weniger wütend, ein bisschen weniger ungerecht kritisieren, zumal wenn es eigentlich keine Trennung von Literatur und Kritik für ihn gibt? „Ich habe politisch und moralisch praktisch nichts erreicht“, resümierte er fatalistisch. Das mag der Kritiker so empfinden, aber für den Schriftsteller gilt es nicht.

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