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Max Frisch : Vom verschwiegenen Krächzen des Pfaus

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Sein erstes Tagebuch war Ausdruck einer Krise: Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch Bild:

Seit einem Jahr werden in Marbach die Archive der Verlage Suhrkamp und Insel aufbereitet. Darin finden sich einzigartige Quellen zur Literatur - etwa zu Max Frisch, einem der ersten Suhrkamp-Autoren.

          „Wat jestrichen is, kann nich durchfalln.“ Das wussten schon Kritiker wie Otto Brahm und Kurt Tucholsky. Auch Max Frisch mag sich an diese Faustregel erinnert haben, als er im Sommer 1950 die Druckfahnen für sein „Tagebuch 1946-1949“ korrigierte und dabei einzelne Textpassagen rigoros kürzte, umschrieb und neu arrangierte. Immerhin ging es um sein bislang wichtigstes Werk - und um einen der ersten beiden Titel, die Peter Suhrkamp nach seinem Bruch mit S. Fischer und der riskanten Neugründung seines Verlags in Frankfurt herausbringen wollte.

          Widerspruch als Herausforderung

          Bei der Entstehung von Frischs erstem Tagebuch kam Suhrkamps Ausnahmetalent als Berater und Anreger seiner Autoren deutlich zum Tragen. Seit er im Oktober 1945 als erster Verleger in Berlin eine Nachkriegslizenz erhalten hatte, veröffentlichte er vor allem die Größen der Exilliteratur sowie Übersetzungen. Bertolt Brecht, Hermann Hesse und T. S. Eliot setzten auf ihn als kommenden Verleger. Frisch war sein jüngster Autor.

          Kein Berliner Schmäh: Frischs Korrekturen seines ersten Tagebuchs

          In Bezug auf die eigenen Texte erwies sich der schweizerische Architekt und „Sonntagsschreiber“ indes bereits als überaus professionell. Frisch wusste, dass er in der Auseinandersetzung mit einem Lektor wie Suhrkamp, der jedes Wort prüfte, nur gewinnen konnte. So arbeitete er seine Werke besonders während der Drucklegung um und um. Das machen die Textfassungen und Briefe deutlich, die sich im Verlagsarchiv finden. Von Suhrkamp lernte Frisch, dass Widerspruch die eigene Kreativität nicht beeinträchtigen muss, sondern auch herausfordern kann.

          Das Leben als Experiment

          Von Anfang an machte Suhrkamp klar, dass das „Tagebuch 1946-1949“ für den jungen Autor auch ein enormes Wagnis darstellte, legte er mit ihm doch sein Blatt offen auf den Tisch. Frisch ließ sein Publikum daran teilhaben, wie er sich als Schriftsteller neu definierte und zu seinem wichtigsten Thema vorstieß - der Frage nach dem Ich, der eigenen Identität, den Kontinuitäten und Brüchen in unseren Biographien. In den ersten Nachkriegsjahren wurde ihm bewusst, dass er jenes betont bürgerliche Leben, für das er sich mit Beginn des Architekturstudiums in Zürich und der Familiengründung entschieden hatte, nicht um jeden Preis fortführen konnte.

          Sosehr das „Tagebuch 1946-1949“ eine austarierte Prosa-Komposition im Gewand des Authentischen ist, so deutlich ist es auch Ausdruck einer Krise, die Frisch zugleich als bedrohlich und als befreiend empfand. Er war dabei, sein Leben von Grund auf zu ändern. Das hieß für ihn zunächst einmal, es im radikalen Sinne als Experiment zu verstehen und wieder offen zu werden für Unerwartetes. „Biografie: Ein Spiel“ nannte er eines seiner späteren Dramen. Dieser Titel könnte als Motto über seinem gesamten nach 1945 entstandenen Werk stehen.

          Berliner Liebesaffäre

          Seine bevorzugten Versuchsfelder entdeckte Frisch zunächst in den Trümmerlandschaften der deutschen Hauptstadt mit ihrer gleichsam aufs Existentielle zurückgeworfenen Bevölkerung. Während seines Berlin-Aufenthaltes im April 1948 wohnte Frisch bei Suhrkamps in der Zehlendorfer Forststraße. Ausgerechnet hier, fern der Heimat, fühlte er sich erstmals seit langem glücklich.

          Seine unveröffentlichten Notizen aus diesen Wochen machen deutlich, dass er damals schon einem Vitalismus in der Nachfolge Nietzsches viel näher stand als dem Rationalismus Brechts. Die sozialen und politischen Probleme der Stadt und sogar das Theater traten für ihn ganz hinter eine Liebesaffäre zurück. Es genüge, dass ihn in dieser Stadt ein Mensch liebe.

          Hervorhebung des Provisorischen

          Im zwei Jahre später veröffentlichten „Tagebuch 1946-1949“ löschte Frisch die Spuren solcher Glücksmomente. Noch waren sie ihm nicht wirklich fassbar, noch entzogen sie sich der künstlerischen Gestaltung. Allerdings sparte er, wie die Druckfahnen zeigen, auch noch ganz andere Passagen aus, etwa die hinreißende Schilderung des Regisseurs Jürgen Fehling als krächzender Pfau. Wir wissen nicht, warum Frisch sie seinem Publikum letztlich vorenthielt. Vielleicht kam es ihm anmaßend vor, eine der damals bekanntesten Persönlichkeiten der Theaterszene bloßzustellen, vielleicht äußerte auch Suhrkamp Bedenken.

          Schließlich erschien dem Verleger sogar schon der forciert sachliche Titel „Tagebuch 1946-1949“ auf gewisse Weise überheblich für einen nicht einmal vierzigjährigen Autor. Das war der Grund dafür, dass Frisch Suhrkamp am 13. August 1950 per Telegramm vorschlug, das Buch stattdessen besser „Unterwegs“ zu nennen und damit das Provisorische seiner Betrachtungen hervorzuheben.

          Frisch und Fehling

          Letztlich blieb es doch beim ursprünglichen Titel. Die Streichung der Aufzeichnung über Fehling wurde hingegen nicht rückgängig gemacht. Möglicherweise hatte das auch rein strategische Gründe: Frisch war bis dato vor allem als Dramatiker hervorgetreten, und das fast ausschließlich in der Schweiz.

          Suhrkamp hatte sich vorgenommen, ihn auch in Deutschland und auf den internationalen Bühnen durchzusetzen. Wäre es da nicht geradezu selbstzerstörerisch gewesen, einen Jürgen Fehling vor den Kopf zu stoßen? Wer könnte es Frisch und seinem Verleger verdenken, wenn sie ihre gemeinsame Zukunft nicht durch eine witzige, aber verzichtbare Anekdote gefährden wollten? Was gestrichen ist, kann einem ja nicht angekreidet werden.

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