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Max Frisch : Das Krokodil und das Mädchen

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Wer war der Mann, der sich und das Leben seiner Nächsten in seinen Romanen so radikal enthüllte wie kaum ein anderer Schriftsteller? Die Tochter von Max Frisch erinnert sich an ihren Vater und die Schrecken eines Lebens als literarisches Material.

          Nach „Montauk“ war es genug. „Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, es warnt dich schon beim Eintritt“, mit diesem Montaigne-Zitat als Motto hatte es begonnen. Der Leser also war gewarnt, bevor er zu lesen begann. Doch die Protagonisten des Buches waren es nicht.

          „Montauk“ ist Max Frischs radikalstes, sein offenstes, sein privatestes Buch, es erschien 1975, Max Frisch war vierundsechzig Jahre alt und wollte „nichts mehr erfinden“. Und er erfand nichts, schrieb über seine Affäre mit der zweiunddreißig Jahre jüngeren Amerikanerin Alice Locke-Carey auf Long Island, schrieb über seine erste Ehe, seine zweite Ehe, die Liebe zu Ingeborg Bachmann, seine Kinder. Seine damalige Frau Marianne zitiert er im Buch mit den Worten: „Ich habe nicht mit dir gelebt als literarisches Material, ich verbiete es, dass du über mich schreibst.“ Nicht nur ließ es Frisch sich nicht verbieten, er ließ es auf diesem Weg auch alle Leser wissen.

          Seine erste Tochter Ursula brach nach dem Erscheinen von „Montauk“ alle Beziehungen zu ihrem Vater ab: „Was hatte ich mit dem Mann zu tun - nur weil er zufällig mein Erzeuger ist, muß ich noch lange nicht . . .“ So schreibt sie in ihrem Buch „Sturz durch alle Spiegel“, das gerade in der F.A.Z. vorabgedruckt wird und am 10. Juni erscheint. Achtzehn Jahre nach dem Tod ihres Vaters hat sie es unternommen, ihr Bild, ihre Bilder von Max Frisch aufzuschreiben. Es ist ein Buch über die Macht und Gewalt der Fiktionen geworden, ein Buch über das Leben mit einem Schriftsteller, über die Machtlosigkeit der Beschriebenen, über die Kälte im Blick des Beschreibers, über das Gefangensein in einem Bild vor aller Welt. Es ist ein zärtliches Tochterbuch, ein Buch auf der Suche nach dem abwesenden Vater immer noch. Aber auch ein Buch des Einspruchs und des Protests immer wieder. Keine Anklage, aber ein Bericht über das, was war. Und was das Beschriebenwerden anrichtet in einem Mädchen, in einer Tochter, im Leben einer Romanfigur.

          Die schlichte Nachricht, dass ein Kind gezeugt worden ist

          Schon in seinem ersten Tagebuchband, der 1950 erscheint, kommt Ursula zum ersten Mal vor. Sie ist sieben Jahren alt, als das Buch herauskommt, darin ist sie „die kleine Ursel“, die den Vater aus dem Spielen heraus fragt, ob er gern sterben möchte. „Gerne stirbt niemand“, antwortet der Vater. Und Ursula, so steht es im Tagebuch, entgegnet ihm: „Ich sterbe gerne.“ Eine sonderbare, aber harmlose Episode. Doch sie wird öfter vorkommen in den Büchern ihres Vaters. Am schockierendsten vielleicht der späte, zurückblickende Satz: „Als jüngerer Mann habe ich mir Kinder nicht eigentlich gewünscht; die schlichte Nachricht, daß ein Kind gezeugt worden ist, hat mich gefreut: der Frau zuliebe.“ Wie viel Kälte ist in diesem Satz über sein erstes Kind. Was für ein Hammerschlag nach dem Doppelpunkt. Man kann nur ahnen, wie es ist, so etwas über sich zu lesen. Und es von aller Welt gelesen zu wissen. In ihrem Buch schreibt die Tochter auf die Frage, wie er es gemeint haben könnte: „Ich mußte gestehen, daß ich es nicht weiß, Max aber auch nie danach gefragt habe, wie er es gemeint habe - die Wirkung hingegen, das weiß ich, war verheerend.“

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