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Matthias Brandt : Mein Vater hatte eben einen komischen Beruf

Der Schauspieler und Schriftsteller Matthias Brandt Bild: © Wolfgang Wilde / ROBA Images

Der Schauspieler Matthias Brandt ist jetzt auch Schriftsteller. Und was für einer. In seinem ersten Buch erzählt er autobiographische Geschichten aus seiner Kindheit. Eine Begegnung.

          Eigentlich würde man immer vermuten, dass Schreiben und Schauspielen zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Schreiben ist eher nach innen gerichtet als nach außen, ist mit Isolierung verbunden. Spielen dagegen geht ohne die anderen nicht, allein ist man dabei praktisch nie. Aber wenn der Schauspieler Matthias Brandt schreibt – und das hat er jetzt, er hat sein erstes Buch als Schriftsteller veröffentlicht, „Raumpatrouille“ heißt dieses Buch, es sind autobiographische Erzählungen aus Matthias Brandts Kindheit –, dann liegt beides ganz nahe beieinander. Man hat, wenn man diese Erzählungen liest, tatsächlich den Eindruck, in der Art und Weise, wie sie geschrieben sind, den Schauspieler wiederzuerkennen. Den Mann, demzuliebe man den „Polizeiruf“ guckt; der im Kunduz-Film von Raymond Ley in der Rolle des Oberst Klein so beeindruckend war oder in dem sonst überhaupt nicht beeindruckenden „Männertreu“ von Hermine Huntgeburth.

          Julia  Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was man wiedererkennt, ist die Zurückgenommenheit, die Reduziertheit, die Skepsis dem Pathos gegenüber. Matthias Brandt ist kein Typ, der dazu tendiert, von sich selbst ergriffen zu sein. Und in der Art und Weise, wie er dies nicht ist, wie er gerade nicht auftrumpft, sondern sich zurückzunehmen weiß, ist er besser als alle anderen. Das ist sein schönes Paradox: Man vergisst ihn nicht, weil er sich nicht aufdrängt. Dazu passt, dass, wenn man mit ihm verabredet ist, er einen nicht warten lässt, um mit großer Beeindruckungsgeste schauspielerhaft irgendwann den Raum zu betreten. Er ist schon da.

          Zustand der Versenkung

          Wie ähnlich Schreiben und Spielen seien, davon sei er selbst überrascht gewesen, sagt er. Und da er nicht jahrzehntelang im Verborgenen geschrieben, sondern das erst jetzt ausprobiert habe, ohne zu wissen, wohin es ihn führe, habe er es auch jetzt erst feststellen können. Im Grunde sei der Vorgang, in Figuren hineinzugehen, ein ganz ähnlicher Zustand der Versenkung. Das sei ohnehin etwas, das ihn ereilt habe aus irgendeinem Grund und womit er herumlaufe, seitdem er denken könne: „Ich gucke mir Leute an und stelle mir vor, wie es ist, die zu sein. Das ist nichts, was für mich wirklich steuerbar wäre. Das ist halt so. Und aus dem lässt sich natürlich sowohl das Spielen wie auch das Schreiben ableiten. Ich habe gemerkt, dass es zwei Äußerungsformen sind, denen das Erzählen zugrunde liegt.“

          Wenn Matthias Brandt ein Drehbuch annimmt, hat er die Gewohnheit, das komplette Buch einmal abzuschreiben, um die dritte Person seiner Rolle in die erste zu übersetzen. Statt „er“ steht da dann „ich“, was ihm hilft, die Distanz zu überwinden, was ihn zur Langsamkeit zwingt und zugleich ein bisschen ist wie Hausaufgaben machen. Angenehm findet er das. Er muss mit so vielen Unsicherheiten und mit Nicht-Greifbarem hantieren, da ist er froh über jedes buchhalterische Ritual.

          Matthias Brandt: „Raumpatrouille“

          In „Raumpatrouille“, dem Buch, ist das „Ich“ nicht das eines anderen. Brandt erzählt von sich als Kind zwischen sieben und zwölf Jahren. Nicht irgendein Kind, denkt man gleich. Das Kind des Bundeskanzlers Willy Brandt und seiner Frau Rut in einer Stadt am Rhein, die damals Bundeshauptstadt war. Und das stimmt auch, aber eben nicht nur. Schon mit dem ersten Satz ist man mittendrin im widersprüchlichen Geflecht von „Raumpatrouille“: „Keiner da“, steht da. Dann kommt erst mal ein Absatz. „Das Haus hatte ich bereits von oben bis unten und von links nach rechts durchwandert und saß jetzt doch wieder stuhlkippelnd in meinem Zimmer. Ich schmiss mich aufs Bett, um gleich im nächsten Moment wieder aufzuspringen und im Schrank nach meiner Jaguarmatic-Spielzeugpistole zu suchen, die ich seit Tagen vermisste, weil hier schon wieder aufgeräumt worden war. Träge, triefende Langeweile.“ Ein Kind wie alle anderen – aber allein.

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