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Martin Walsers Tagebuch : Solche wie mich verachte ich - mich aber nicht

  • -Aktualisiert am

Überlebensgroß, Herr Walser Bild: dpa

Was die Tagebücher der Jahre 1979 bis 1981 über den Beobachtungsexperten Martin Walser, den Literaturbetrieb und Leipziger Fußmatten verraten - und wie sich dieser Autor jeder Belangbarkeit entzieht.

          Jemand hat, halb bewundernd und halb enttäuscht, Martin Walser zum VW unter den deutschen Schriftstellern erklärt: Seine Romanproduktion läuft und läuft und läuft, manchmal fällt ein Roman besser, dann wieder schlechter aus, die Walser-Gemeinde kümmert das wenig, wenn ihr nur das bewährte Walser-Design und der typische Walser-Sound geliefert werden.

          Den Erfolg dieser Romane begünstigt vermutlich gerade das, was literarisch ihr Manko ist: Sie kleben zu sehr am Stofflichen, am Gesellschaftlichen, schwingen sich nicht zur Freiheit des Epischen auf, das Blicke ins Offene, Unbetretene, Entrückte freigeben würde, es fehlt ihnen das Geheimnis des Darüberhinaus. Die Sätze in diesen Romanen kommen gern zu süffig, zu spritzig daher, bieten zu wenig Widerstand und scheinen schon auf den Effekt zu schielen, den der Vortragsvirtuose Walser auf seinen Lesereisen mit ihnen erzielen wird.

          Ein ganz anderer Walser, der ohne vorsätzliche Effekte auskommt, ist der Essayist, der etwa über Hölderlin, Jean Paul, Büchner oder Robert Walser schöner und tiefsinniger geschrieben hat als irgendjemand sonst. Man möchte aus seinen literarischen Liebeserklärungen unentwegt zitieren. Schade nur, dass Walser die Einsichten, die er in den Essays über seine „Literaturheiligen“ gewonnen hat, so selten für sein eigenes Schreiben fruchtbar zu machen verstand. Man stelle sich vor, in seinen Büchern gäbe es nur einen Hauch jenes „Unerbittlichkeitsstils“, den Martin Walser am Werk seines Namensvetters Robert Walser rühmte! Das würde freilich nicht imitatorisches Geschick, sondern Robert Walsers rigorosen Abstand gegenüber Welt und Gesellschaft voraussetzen, den Martin Walser sich nicht abverlangen möchte.

          Kopfüber ins Getümmel

          Er muss sich, wie der jüngste Band seiner Tagebücher belegt, immer aufs Neue kopfüber ins Getümmel der Welt stürzen, auch wenn diese hier oft nur in der schäbigen Schrumpfform der Welt des Literaturbetriebs (samt erotischer Begleiterscheinungen) erscheint. Versteht sich, dass Walser den Betrieb verachtet. Zugleich aber bedient ihn der Aufmerksamkeitshungrige wie besinnungslos mit Artikeln, Interviews, Fernsehauftritten, kleineren und größeren Provokationen.

          Sein Tagebuch ist ein trüber Spiegel dieser Betriebsamkeit. Statt Lektüreerfahrungen, für die man dem fabelhaften Leser Walser dankbar wäre, bietet es Betriebserfahrungen, die sich von Klatsch und Banalität selten unterscheiden. Hunderte von Abfahrts- und Ankunftszeiten der Züge, mit denen Walser unterwegs ist, Hotelnamen mit Angabe von Zimmernummern und -preisen, Zuhörerzahlen und Lesehonorare (immer zu wenig), Verkaufszahlen seiner Bücher und ihr jeweiliger Platz auf der Bestsellerliste, der aktuelle Kontostand (1979 fast eine halbe Million Mark!) oder Preisstrategien (wer ist wichtig im Nobelpreiskomitee): Es müssen schon sehr hartnäckige Walser-Verehrer sein, die all dies wissen wollen.

          Wo Walser indes deren Voyeurismus mit GV bedient, dürfte der Wissensdurst rapide steigen (Kürzel wie GV und GT gehen Walser so leicht über die Lippen wie anderen ADAC oder DFB). Ausgefalleneres, einen breit beschriebenen Dreier in Stuttgart (Walser nennt ihn nicht „flott“, sondern paradiesisch), rückt er dabei in die gefahrlose Ferne der Fiktion und unterschiebt solche Passagen seinem Roman-Alter-Ego Alois Zürn, dessen erotische Maxime lautet: „Jede neue Frau ist jeder schon bekannten vorzuziehen.“ Dass der notorische Verführer im Tiefsten liebesunfähig ist, weiß Walser wohl von seinem „heiligen Kierkegaard“, doch jenseits des GV gibt es in Walsers Tagebuch keine Liebe (es sei denn die so andere zur Familie und Haustieren). Einmal notiert er resigniert: „Wahrscheinlich bleibt, um geliebt zu werden, nichts anderes übrig, als zu lieben.“

          Alles andere sei Verstellung

          Erotomane und Egomane sind Synonyme, wie Walsers Tagebuch zeigt, das mit einem Geständnis beginnt: „Offenbar bin ich durchdrungen von der Vorstellung, nur Egoismus sei wahrhaft, alles andere sei Verstellung, Lüge. Nur Narzissmus sei ehrlicherweise möglich, alles andere sei Betrug.“ Der Ehrgeiz des Egoisten benötigt permanent Erfolg, und keiner genügt ihm je. Es ist fast rührend, wäre es nicht so bizarr, wie der Erfolgsverwöhnte permanent über seine Erfolglosigkeit klagt und sich von dieser Chimäre des Misserfolgs sogar in eine „reaktive Depression“ treiben lässt, die ihm einsagt, dass „ich nicht nachgeben dürfe, bevor ich nicht alles habe“. Sicher, Walser fehlt der internationale Erfolg von Grass, Thomas Bernhard, Sebald oder Handke. Aber darum die Jeremiaden seines Tagebuchs? Wer den Schmerzensmann gibt, aber einen niedrigen Platz auf der Bestsellerliste bejammert, hat unweigerlich etwas Komisches.

          Von Selbstbespiegelung einigermaßen frei sind in diesem Tagebuch nur die Reisenotizen aus Amerika und der DDR, in denen nicht nur der alte Beobachtungsexperte Walser am Werk ist („Die Fußmatte vom Hotel Stadt Leipzig klebt mir gewissermaßen für immer an den Fußsohlen“), sondern sich auch der „linke Walser“, der seine Tochter gern in Leipzig studieren ließe und die „warenlose Welt“ der DDR als „die andere Verführung“ empfindet, ein letztes Mal vernehmen lässt. Aber der heilige Zorn von früher, der ihn zum öffentlichen Protest gegen den Vietnamkrieg auf die Straße trieb, ist verraucht. Sein „Engagement“ reicht gerade noch dazu, SPD zu wählen. Aber bis zur Verharmlosung von rechtsradikalen Mördern als „Skinheadbuben“ und bis zum Sündenfall der Paulskirchenrede ist es noch weit, wenn auch Jürgen Habermas, damals noch ein Freund, schon nationalistische Töne bei Walser wittert.

          Macht klare Unterscheidungen zwischen sich und den anderen: Martin Walser

          Versucht man Walsers Tagebuch als Roman zu lesen, so fungieren neben Walsers Frau Käthe und seinen vier Töchtern (denen die anrührendsten Passagen gelten) als Zentralfiguren Siegfried Unseld, der Verleger und Freund, der Walser meist mehr Frust als Freude bereitet (er tut nach Walsers Meinung zu wenig für seine Bücher), sowie Marcel Reich-Ranicki, der Kritiker, der Walsers Roman „Jenseits der Liebe“ in den Orkus gestampft, dann aber Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ in den Himmel gehoben hatte. Deswegen wagte Walser nicht, mit ihm zu brechen, hofierte ihn sogar ungeschickt. Doch „der große Töter“ verfolgte ihn bis in seine Träume. „Wer einmal etwas gegen mich gesagt hat, kann das nicht mehr gutmachen“, verrät sein Tagebuch. Zehn Jahre später wird Walser den Rache-Roman „Tod eines Kritikers“ mit seinen antisemitischen Untertönen auf Reich-Ranicki und eine wohlig schaudernde Öffentlichkeit loslassen. Frank Schirrmacher, bei Walsers Paulskirchenrede noch sein Laudator, distanzierte sich von ihm, Ruth Klüger, seit gemeinsamen Studientagen in Regensburg Walser eng verbunden, kündigte ihm die Freundschaft.

          In Walsers Tagebuch kreisen um die Zentralsonne Unseld und den Unstern Reich-Ranicki als Trabanten andere Suhrkamp-Autoren, die Walser, selbst wenn sie Freunde sind, in erster Linie als Konkurrenten sieht. Allen voran Uwe Johnson, der „moralische Narziss“ und zügellose Trinker, mit dem es unentwegt Kräche hagelt, aus denen dann der Schlüsselroman „Brief an Lord Liszt“ resultiert, in dem Walser die Hahnenkämpfe zwischen sich und Johnson um die Gunst Unselds karikiert. Als ewiger Stachel im Fleisch erscheint der vermeintlich von Unseld bevorzugte Thomas Bernhard, der sich mit Beckett in einem Topf findet („der Wille zum Unglück als literarische Fabrik“). Bei Handke hält Walser sich etwas zurück, weil der ihm als Reich-Ranicki-Opfer gilt. Noch am besten kommt Max Frisch weg, der Patriarch („lakonisch virtuos“), aber wie verlässlich Walsers Freundschaftsbekundungen sind, verrät sein Tagebuch-Satz: „Auch die, mit denen er liebend umgeht, hasst er.“ Und gleich noch eines seiner allzu geläufigen Geständnisse: „Solche wie mich verachte ich. Mich aber nicht.“

          In einem Begleittext zu seinen Tagebüchern hat Walser die Differenz zwischen „Hingeschriebenheit“ und „Aufgeschriebenheit“ betont und für seine Tagebücher eine „Hinschreibe-Unschuld“ reklamiert, die sie der literarischen Belangbarkeit entziehen soll. „Die Hingeschriebenheit“, heißt es da, „ist kein bisschen adressiert an jetzige oder zukünftige Leser.“ Das provoziert die Frage, warum Walser das bloß Hingeschriebene zu Lebzeiten aus der Hand gibt. War es seine Entblößungssucht, die man, je nachdem, mutig oder mutwillig oder eher lächerlich nennen kann? „Das Schönste ist doch die Lächerlichkeit. Eine Krone ist sie, die nicht wankt, so passt sie auf meinen Kopf.“ Wie kommt es, dass man solche Sätze, die man Robert Walser glauben würde, Martin Walser nicht abnimmt?

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