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Martin Walser in Harvard : Auch ich brauche Stimmen, die mich wecken

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Auf Glaubenssuche: Martin Walser Bild: dapd

Der Schriftsteller Martin Walser hat an der Universität Harvard eine Rede zum 9. November gehalten. Darin zieht er die Summe seines Lebens und Werks.

          Der Glaube spielt im Werk von Martin Walser seit je eine Hauptrolle. Doch so intensiv um den richtigen Ausdruck ringend, so beschwörend und jegliche Gewissheiten verneinend, wie er sich nun mit der Glaubenssuche in seiner Rede „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ auseinandersetzt, die wir heute in unserem Feuilleton abdrucken (hier die Langfassung auf FAZ.NET), konnte man den Schriftsteller schon lange nicht mehr erleben, nicht einmal in seinem eindringlichen Glaubensroman „Muttersohn“. Walsers Ansprache bildet den Höhepunkt einer zehntägigen Amerikareise, die den Vierundachtzigjährigen über Chicago nach Boston geführt hat, wo er gestern Abend, an einem bedeutsamen Datum der deutschen Geschichte, an der Universität Harvard sprach.

          Wodurch ist die menschliche Existenz gerechtfertigt, woher nimmt der Einzelne seine metaphysische Lebensgrundlage? Das ist Walsers Leitfrage, doch er ist nicht so vermessen, darauf definitive Antworten geben zu wollen. Die Versuchung, der leise Größenwahn liegt woanders in dieser Rede, die den Glauben dialektisch auffasst und uns teilnehmen lässt an einem Gedankengang, der an kein Ende kommen will und soll – denn der Stillstand hieße Gewissheit, und Gewissheit hieße Tod.

          Walser beginnt bei seinen eigenen Anfängen, nicht bei der katholischen Erziehung durch die Mutter, sondern bei den literarisch prägenden Lektüren von Kafka, Robert Walser, Jean Paul und Thomas Mann. Denn Schriftsteller wie sie (und Schriftsteller wie er) sind diejenigen, die uns die Suchenden zeigen, die Trost- und Rechtfertigungsbedürftigen, Zweifelnden und Leidenden, in denen wir uns selbst erkennen können. Kontrapunktisch leiht Walser anderen, philosophisch-theologischen Stimmen sein Ohr, allen voran jener des protestantischen Kirchenvaters Karl Barth, zusammen mit Augustinus, dem Bischof von Hippo, aber auch dem Gottesrevoltierer Friedrich Nietzsche. Im Mittelpunkt steht der Brief des Paulus an die Römer, zumal dessen neuntes Kapitel, auf das Walser sich indes stets vermittelt durch die Interpretationen von Augustinus und Barth bezieht. Es gibt keinen menschlichen Anspruch auf Gottes Gnade, ist das provozierende Fazit des Augustinus, keine Mittel und Wege, sie sich auf Erden zu verdienen.

          Gnade zeigt sich allein in Gottes Barmherzigkeit – die, wie das Beispiel der Zwillinge Jakob und Esau zeigt, nicht zwingend unserer Vorstellung von Gerechtigkeit folgt. Darauf, dass Paulus an dieser Bibelstelle auch auf die Juden verweist, die ihren Rang als Gottes auserwähltes Volk verspielt hätten, indem sie Gesetzestreue vor Glauben setzten, geht Walser nicht ein.

          Vom Gottesschmerz blieb nur ein Zahnweh

          Denn dies ist nicht die Ansprache eines Katholiken vom Bodensee, der sich im Glauben geborgen fühlt – sondern die eines Schriftstellers, dem der Ur-Mangel, der „Gottesnotwendigkeitsbeweis“, stets die Feder geführt hat. Schon vor dreißig Jahren beklagte Walser in seiner Büchnerpreisrede, dass Gott „in der Laboratorien der Theologie zerbröselt“ werde, dass der Glaubenskampf zur linguistischen Modedisziplin verkommen sei, dass wir höchstens gelegentlich noch „zahnwehhaft“ spürten, dass Gott fehlt. Für ihn selbst war dieser Schmerz stets akut – und oft tongebend. Gerade Karl Barth, der radikalste aller Protestanten, zieht Walser an durch seine Sprachempfindsamkeit, die Lektüre seiner Schriften ist für ihn ein Erweckungserlebnis („wenn es ihn nicht gäbe, wäre dieses Bedürfnis in mir stumm geblieben“), das er mit seinen Zuhörern teilen will – auf dass auch sie den Mangel spüren. Walser predigt nicht, niemals, aber das, was ihm wahrhaftig erscheint, gibt er weiter.

          Denn Walser liest „Religion als Literatur“ und holt sich sein Thema damit auf sein Terrain. Schon früher galten ihm Schreibende und Lesende als „Nachkommen des Beters, der weiß, dass Gott seine Schöpfung ist, nicht umgekehrt“. Doch ein Schriftsteller, der Religion zur Literatur erklärt, macht sich zum Schöpfer und Literatur zu Religion. Schon 1979 schrieb Walser, Religion sei „ein System aus Fiktionen, die aus nichts anderem gemacht sind als aus kollektiven Antworten auf negative Erfahrungen“. Auch hier möchte er jene, die die Bringschuld atheistisch nicht bei sich, sondern auf Seiten Gottes sehen, mitreißen in seinem leidenschaftlichen Plädoyer.

          Jenseits geschlagener Schlachten

          Dass Walser, dieser seit sechzig Jahren so ungebrochen produktive, erfolgreiche, vitale Autor, dieser scheinbar im Leben so Begünstigte, sich selbst als armen Sünder erlebt, verleiht seiner Gewissenserforschung in der Tat einnehmende Dringlichkeit. Walser ruft sich Zeugen und Zeugnisse herbei, um den Mangel, der ihm Leid und Ansporn zugleich ist, fühlbar zu machen auch für jene, die ihn entweder gar nicht spüren, Rechtfertigung mit moralischer Rechthaberei verwechseln oder ihn durch Arbeit, Kunst oder Wirkung auszugleichen versuchen.

          Aber Martin Walser wäre nicht so sehr von unserer, von seiner Welt, wenn er Rechtfertigung nicht auch im politischen Diesseits suchte. Der Rückblick auf neuralgische Punkte seiner eigenen Wirkungsgeschichte ist aufschlussreich. Doch über diese geschlagenen Schlachten weist seine Rede, das Zeugnis eines Unerlösten, weit hinaus.

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