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Martin Suters neueste Erfolgsrakete : Ein Flaneur als Ermittler

Inhaber der Planstelle „Gewissen der Schweiz”: der Schweizer Schriftsteller Martin Suter Bild: Anna Jockisch

Ein Gentleman auf der Suche nach Geheimnissen: Martin Suter wendet sich mit seinem neuen Roman „Allmen und die Libellen“ dem Genre des Serienkrimis zu. Leichte Kost auf dem Weg an die Spitze der Bestsellerliste.

          Sein Name ist Allmen, von Allmen. Mit Betonung auf dem von. Die Vornamen Hans Fritz hat er zu Johann Friedrich veredelt, im Stammcafé verkehrt er wegen seiner exorbitanten Trinkgelder unter dem Ehrentitel „Conte“. Tatsächlich hat er ein Millionenerbe durchgebracht, das wenige Geld, über das er verfügt, investiert er in Kreditwürdigkeit anstatt in seinen Lebensunterhalt. Den Nachmittagsschlaf nennt er „Lebenschwänzen“. Die väterliche Villa musste er verkaufen, mit seinem guatemaltekischen Butler Carlos logiert er im Gartenhaus. J. F. v. Allmen ist ein weltläufiger Gentleman von Anfang vierzig, der nicht recht weiß, wo er hin soll mit seinem Leben.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Auf dem Buchmarkt ist seine Bestimmung klar. Von heute an soll er die Bestsellerliste stürmen, denn er ist schließlich der neue Serienheld des Schweizer Schriftstellers Martin Suter. Allein dessen letzter Roman „Der Koch“ hat sich nach Angaben des Diogenes Verlags mehr als dreihunderttausend Mal verkauft. Aber im Vergleich zum Vorgänger ist der heute erscheinende Roman „Allmen und die Libellen“ nur ein Appetithappen, mit 190 luftig bedruckten Seiten ein Piccolo in Spielfilmlänge. Am Ende hat sich nichts Großartiges ergeben, man hat sich abgelenkt, nicht unangenehm, aber keineswegs so, dass man sich nach der Fortsetzung verzehrte.

          Da von Allmen etwas von Antiquitäten versteht, hat er sich auf Diebstahl verlegt; die Hehlerware verkauft er an einen Händler namens Jack Tanner. Dann fällt Allmen der reichen Tochter Jolle Hirt in die lüsternen Arme. Missbraucht für einen One-Night-Stand, stößt er in der Villa am See auf ein Kabinett mit fünf Libellen-Schalen des legendären Jugendstil-Glaskünstlers Émile Gallé. Ein Millionenfund, den er sich zunutze machen will, um seiner chronischen Unterfinanzierung abzuhelfen. Er schafft es, eine Schale an Tanner zu verhökern, dann findet er den Händler erschossen in seinem Laden. Bald darauf wird er selbst Opfer eines Anschlags – und die Geschichte nimmt endlich die Ausfahrt ins Kriminalistische.

          Als „süchtiger Leser“ sucht Allmen nach Geheimnissen, also münzt er diese Leidenschaft am Ende, als ihm das gewonnene Gold schon wieder zwischen den Fingern zerronnen ist, in eine Firmengründung um. „Allmen stellte sich eine Visitenkarte vor, Johann Friedrich von Allmen. Zwölf Punkt Times mit Kapitälchen. Darunter, zwei Punkt kleiner: International Inquiries. Sah gut aus.“

          Die Sprache ist gewohnt schlicht, adjektivarm mit kurzen Sätzen und ebensolchen Dialogen. Selten gestattet sich der Autor Lyrismen von der Sorte: „Die graue Suppe nieselte jetzt als kalter Wasserstaub auf die Stadt.“ Wie um sich vor Überambition zu schützen, spannt Suter mit einer Demutsgeste den literarischen Schutzschirm auf, unter den er Balzac, William Somerset Maugham und Elmore Leonard einreiht. Jedes seiner Bücher sei eine Hommage an eine andere Gattung, sagt der Autor, dieses Mal eben der Serienkrimi. Denn zwei weitere Bände sind schon fertig, „Allmen und der rosa Diamant“ und „Allmen und die Delfinsuite“. Schön altmodisch also; so, könnte à la Verlagskollege Simenon endlos so weitergehen. Das nennt man nachhaltige Bewirtschaftung einer Autorenmarke.

          Radikales Bekenntnis zur Unterhaltung

          Martin Suter, Superstar. Ein grundsympathischer Autor, der nach einer Laufbahn als Werbetexter, Kolumnist („Business Class“) und Romancier heute als Zweiundsechzigjähriger mit Wohnsitzen auf Ibiza und in Guatemala ganz oben ist. Unlängst kam die Verfilmung seines ersten Romans „Small World“ mit Staraufgebot in die Kinos. Dass er nach dem Schicksalsschlag des vorvergangenen Jahres, als er seinen Adoptivsohn durch einen Unfall verlor, nicht aufgegeben hat; dass er ein freundliches, sozial engagiertes Gutmenschen-Image glaubhaft verkörpert, prädestiniert ihn in den Augen mancher Anhänger für die Planstelle „Gewissen der Schweiz“.

          Suter ist aber offenkundig nicht geneigt, diese Rolle anzunehmen, die seit Adolf Muschgs Rückzug vakant ist. Konnte man bei „Der Koch“ noch einen Hauch von Gesellschaftskritik ausmachen – ein tamilischer Einwanderer, der sein Glück in die Hand nimmt –, sind im Falle Allmens davon nur noch eine satirische Schwundstufe und das radikale Bekenntnis zur Unterhaltung geblieben. Martin Suter skizziert die Welt der Zürcher Oberschicht, zeigt Goldküstenexistenzen, die Wein für 1400 Franken die Flasche konsumieren, Gefangene in einer Welt des Reichtums oder eben nur Reichtumsdarsteller. In diesem Milieu kennt der Autor sich aus, diese Welt bewirtschaftet er fiktional seit Jahren erfolgreich. Ein Hochstapler als Stapelware: Auch wenn Suter die Arbeit diesmal allzu leicht von der Hand gegangen ist, an der Ladenkasse wird sich sein Libellenhauch von einem Buch mit Sicherheit als erstes ökonomisches Schwergewicht des Jahres erweisen.

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