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Martin Suter im Gespräch : Ein Autor dreht an der Uhr

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Den Vorwurf hat Ihnen die Literaturkritik auch häufig gemacht.

Aber die Kritik ist nicht einig. Ich lese oft auch das Gegenteil. Gerade was die Tiefe meiner Figuren angeht, lese ich oft Positives.

Bevor Sie Schriftsteller wurden, waren Sie in der Werbung als Texter beschäftigt. Sie sind den Umgang mit pointierten Sätzen, mit Sentenzen gewohnt. Nutzt Ihnen das beim Schreiben?

Es ist schon etwas völlig anderes. Außerdem war die Reihenfolge in meinem Leben anders. Weil ich sehr früh gelernt habe, auf Pointen zu schreiben, war ich auch als Werbetexter geeignet. Ich habe immer für den Leser Martin Suter geschrieben. Aber nicht, um dem Martin Suter zu helfen oder eines seiner Probleme zu bewältigen, sondern um sein Interesse zu wecken und wachzuhalten.

Um ihn zu unterhalten.

Ja, ja.

Wenn Ihnen die Kritik dann Oberflächlichkeit und Klischeeverarbeitung vorwirft, fühlen Sie sich missverstanden?

Das wäre jetzt eine Aussage: Martin Suter fühlt sich von der Literaturkritik missverstanden!

Gegen Ihr Anliegen, die Leser zu unterhalten, ist grundsätzlich ja nichts einzuwenden.

Ich getraue mich nur nicht, die großen Namen zu nennen, die das auch wollten, sonst heißt es, Martin Suter vergleicht sich mit dem und dem. Auch die großen deutschen Schriftsteller geben sich Mühe, die Leser bei der Stange zu halten. Selbst im deutschsprachigen Raum ist das Auseinanderhalten von E und U in der Literatur nicht mehr so ausschlaggebend, wie das früher war. Und von den Rezensenten, die das noch hochhalten, sind inzwischen auch die meisten pensioniert.

Warum haben Sie so vergleichsweise spät angefangen, Bücher zu schreiben?

Ich habe mit sechzehn Jahren den Entschluss gefasst, Schriftsteller zu werden. Als ich neunzehn Jahre alt war, wollte ich einfach vom Schreiben leben. Dann habe ich Werbung gemacht und Reisereportagen geschrieben. Ich habe alles gemacht, was es auf dem Gebiet gibt. Ich wollte nur immer auch Geld verdienen. Ich wollte nicht wie Kollegen von mir als Schriftsteller von staatlichen Zuschüssen und Kulturstiftungen leben. Ich habe diese Kollegen zwar immer sehr bewundert, aber ich habe immer auch gern gut gelebt.

Sie galten in den siebziger Jahren als Kinderstar in der Schweizer Werbung. Ich kenne nur einen berühmten Slogan von Ihnen: „Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten. Sie arbeiten schließlich auch für Ihr Geld.“

Ja, da war ich knapp zwanzig.

Für welchen Kunden war das?

Für die Schweizerische Volksbank, die gibt es nicht mehr. Das habe ich toll gefunden damals, es kommt sogar in den Tagebüchern von Max Frisch vor, als Beispiel für einen zynischen Bankfritzen. Frisch hat diese ganze Kampagne damals kritisiert.

Er hatte recht, das ist zynisch.

Ja, natürlich ist es das. Ich habe mich später auch lange dafür geschämt. Ich hatte damals einfach nach guten Formulierungen gesucht, man war jung und spielte mit den Sprachmuskeln. Ich bin auch froh, dass ich nicht meine Manuskripte aus dieser Zeit veröffentlicht habe, da wimmelt es von solchen Sätzen. Das fand ich damals lustig. Aber bei „Small World“ war ich schon so weit, dass ich nicht mehr überlegt habe, was jetzt mein Stil ist oder was ein guter Stil sein könnte. Ich war mir in Bezug auf die Sprache und die Formulierungen sicher genug. Die Sprache hatte ihren Platz gefunden.

Das Gespräch führte Lena Bopp.

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