https://www.faz.net/-gr0-ae9ow

Mosebach wird siebzig : Das Profane wird durch elegante Ordnung schön

Martin Mosebach, fotografiert 2007 Bild: teutopress

Es mangelt diesem Autor ebenso wenig an Selbstbewusstsein wie an Können: Martin Mosebach wird siebzig Jahre alt.

          4 Min.

          Der Schriftsteller Martin Mosebach ist ein Epiker, seine liebste Form der umfangreiche Roman. Doch vor fünf Jahren kam ein schmaler Band heraus, „Das Leben ist kurz“, eine Sammlung von zwölf „Bagatellen“ – diese Bezeichnung für die zuvor in verschiedenen Blättern, darunter auch dieser Zeitung, erschienenen Erzählungen stammt von Mosebach selbst. Der Titel des Buchs war einerseits ironisch auf die der Begrenztheit des menschlichen Daseins angepasste geringe Lesedauer gemünzt, andererseits natürlich Zitat einer der berühmtesten antiken Spruchweisheiten: So kurz das Leben, so langwährend die Kunst. Auch die kurz­gefasste des Martin Mosebach aus der Tagespresse.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es mangelt diesem Autor ebenso wenig an Selbstbewusstsein wie an Können; sein Beharren auf archaistischen Schreibweisen (noch älteren als denen der alten Rechtschreibung, die er selbstverständlich beibehalten hat) und der gedrechselte Ton seines Erzählens bleiben unbeeindruckt von spöttischer Kritik seitens jener Leser, die von schöngeistiger Literatur Gegenwärtigkeit bis in den Wortlaut hinein verlangen. Mosebach nennt so etwas Profanität, und ihm als tiefreligiösem Menschen muss die zuwider sein. Seine Gewährsleute sind denn auch die großen Romanciers eines Realismus, der bestenfalls Burleskes anklingen lässt wie bei Thomas Mann oder Heimito von Doderer, jenen beiden Autoren, denen Mosebach stilistisch so nahesteht wie niemandem sonst. Ja, das ist ein aus der heutigen Zeit gefallenes Schreiben, aber eines, das gefällt, wem noch an Eleganz gelegen ist – zu den ersten begeisterten Lesern von Mosebach zählten vor vierzig Jahren Golo Mann und Karl Corino. Und es ist ein Schreiben, das sich an seinen Vorläufern messen lassen muss (und will).

          Die erste große Auszeichnung war genau die richtige

          Es passte somit, dass Mosebach 1999 als seine erste wichtige Auszeichnung den Doderer-Preis in Empfang nehmen konnte, dem dann mit Kleist-, und Büchnerpreis sowie der Goetheplakette der Stadt Frankfurt noch weitere nach von ihm verehrten Autoren benannte Ehrungen folgen sollten (zu schweigen von so sachlich benannten, aber renommierten wie dem Kranichsteiner Literaturpreis sowie denen der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste). Da hatte er schon mehr als anderthalb Jahrzehnte Schriftstellerdasein hinter sich, seit 1983 sein Debütroman „Das Bett“ erschienen war. Obwohl er seinen Erstling unmittelbar nach Abschluss des zweiten juristischen Staatsexamens begonnen hatte, als noch offen war, ob das Schreiben seine Lebensgrundlage sein könnte, war der ein bereits reifes, nämlich mehr als auf eigenem Lebensstoff auf tief verinnerlichtem Lesestoff beruhendes Buch.

          In einem Nachwort zur 2002 publizierten Neuausgabe dieses Romans, der persönlichsten Auskunft aus Mosebachs Feder (wie auch „Das Bett“ selbst sein persönlichstes Buch geblieben ist), wird festgestellt: „Verfälschen, um der Wahrheit von etwas näher zu kommen, das sich der einfachen Mitteilung verweigert, ist vielleicht ein Wesenszug der Literatur.“ Demgemäß hat Mosebach seither gehandelt, also geschrieben. Er ist als Propagandist des wahren Lebens im verfälschten stets auf der Suche nach Anregungen zum Verfälschen und deshalb einer unserer neugierigsten Autoren, obwohl er als so konservativ gilt. Die regelmäßigen monatelangen Aufenthalte in fernen Ländern, um ungestört vom längst vertrauten und darum für ihn nicht mehr verfälschungsproduktiven Dasein im heimischen Frankfurt schreiben zu können, sind mittlerweile Teil seines Mythos als Autor. Unerreichbar für elektronische Kommunikationsformen, kann man Mosebach in Klöstern wechselnder religiöser Prägungen rund um die Welt ebenso vermuten (aber nicht aufsuchen) wie in den Palästen indischer Fürstenfamilien.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der deutsche Bundestag aus der Vogelperspektive: Mehr Sachlichkeit und weniger Entscheidungen nach ideologischen Maßstäben täte der Politik gut.

          Wie Politik funktioniert : Sanfte Ideologien

          Wenn es um Politik geht: Lieber mehr Sachlichkeit als noch mehr Quoten, Wunschdenken und wolkige Wertsetzungen.

          Mord an der Tankstelle : Plötzlich bist du Hassfigur

          Idar-Oberstein trauert um Alexander W., Kassiererinnen und Verkäufer im ganzen Land sind verunsichert. Seit Corona erleben sie immer aggressivere Kunden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.