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Mario Vargas Llosa : Der Ironman der Literaturpreise

Makellose Figur: Der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa im September 2020 beim Internationalen Literaturfestival Berlin Bild: AFP

Seine Bücher haben nachgelassen, aber im Einsammeln von Preisen und im gehobenen Plaudern macht dem Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa niemand etwas vor. Die Diskrepanz legt einen Schluss nahe.

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          Kürzlich stand in der spanischen Presse, die einzige nicht digitale Veranstaltung des „Festivals Eñe“ in Madrid sei die Verleihung des „Preises des Festivals Eñe“ an Mario Vargas Llosa gewesen. Schon wieder ein Preis für den Nobelpreisträger!, dachten wir. Sicherlich würde er manchmal gern auf die Reden und den Blumenschmuck verzichten und sich das Geld – sollte es welches gegeben haben – bequemerweise direkt überweisen lassen. Aber dann würde er Bürgermeister und Festivaldirektoren genau um das würdig-feierliche Drumherum mit Häppchen bringen, das dem Kulturbetrieb vor der Corona-Lähmung so wichtig war.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Nein, für Preisverleihungen ist der Peruaner Mario Vargas Llosa, Jahrgang 1936, der ideale Mann, man könnte sogar sagen: der Ironman. Er hat mal vor längerer Zeit großartige Literatur geschrieben, er spricht gut, sieht gut aus, hat klasse Manieren, kleidet sich geschmackvoll und ist immer noch von einer Weltläufigkeit, die man nach 79 Ehrendoktorhüten und einigen hundert Preisen erst mal hinbekommen muss. Sie haben richtig gelesen: mehrere hundert literarische Auszeichnungen, Ehrungen und Medaillen. Sie alle aufzuzählen würde mehr als zwei Zeitungsspalten füllen. Deswegen beschränken wir uns hier auf einen systematischen Überblick.

          Zunächst aus der amerikanischen Wikipedia, die das Ganze nach Ehrungen, Preisen und Wappen sortiert, zugleich aber auch nach Ländern klassifiziert, so dass sich die globale Wirkung des Autors angemessen würdigen lässt. Die Vereinigten Staaten etwa (Harvard, Yale, Georgetown und andere) haben ihm sechs Ehrendoktorwürden verliehen, ferner sechs Literaturpreise und zwei Fellowships. Auch Italien bringt es auf sechs Literaturpreise für Vargas Llosa. Spitzenreiter ist Spanien mit dreizehn literarischen Auszeichnungen. Im Jahr nach dem Nobelpreis, 2011, hat König Juan Carlos I. ihm außerdem den Erbtitel eines spanischen Markgrafen verliehen. In Mexiko hat Super-Mario bisher zwei Literaturpreise erhalten, je einen in Frankreich, Großbritannien, Israel, Venezuela, der Schweiz und der Dominikanischen Republik. China wollte ihm bisher leider nur Ehren-Fellowships geben (zwei), Frankreich ist bekanntlich groß in Orden (drei). Österreich und Nicaragua beschränken sich vorläufig auf Kreuz oder Großkreuz, das dürfte preiswerter sein.

          Sein Körpergewicht in Honig

          Das wahre Ausmaß universaler Wertschätzung enthüllt die Website mvargasllosa.com, die für sämtliche Ehrungen bis 2019 volle 27 Bildschirmseiten benötigt. Manche Distinktionen fliegen unter dem Radar der internationalen Wahrnehmung, etwa wenn Vargas Llosa eine Büste in einem öffentlichen Park erhält, ihn die Rotweininnung zum Ehrenmitglied ernennt oder die spanische Post eine Briefmarke mit seinem Porträt herausbringt. Aber so ist es: Seit der Verleihung des Nobelpreises 2010 kann der Autor eigentlich nur noch Dankesreden halten, Hände schütteln und Schecks, Kunstgegenstände und Ehrenurkunden in Empfang nehmen. Einmal erhielt er als Preis sein eigenes Körpergewicht in Honig, das seinerzeit gut neunzig Kilo betrug.

          Literarisch hat Vargas Llosa allerdings bedenklich nachgelassen. Von „Die Enthüllung“ (2016) hieß es in dieser Zeitung, der Roman enthalte „Phrasen und Redundanzen“, und eine lesbische Sexszene (er mag so was) lasse sich nur als „gruselige Männerphantasie“ lesen. Andere Medien attestieren Büchern der letzten Jahre „Telenovela-Gestalten“, die Schreibweise sei „mechanisch und bemüht“. Zum Roman „Der Traum des Kelten“ (2011) bemerkt ein Kritiker, der Autor verfalle immer wieder „in den Ton eines braven, floskelhaften, allzu beflissenen Biographen“. Und zu dem noch früheren Buch „Das böse Mädchen“ (2006) schreibt eine Kritikerin: „Vielen Autoren könnte man diesen Roman verzeihen, ihn als Debüt sogar mit einigem Wohlwollen betrachten. Aber Mario Vargas Llosa ist nicht irgendein Autor.“

          Diese Diskrepanz legt nahe, dass sich der Künstler Vargas Llosa von dem Preisempfänger Vargas Llosa getrennt hat. Den zweiten der beiden Herren müsste man fragen, ob er schon eine Eventagentur beschäftigt. In jedem Fall verkörpert dieser Ausnahme-Nobelpreisträger den seltenen Typus des Intellektuellen in der SUV-Klasse. Denn es reicht längst nicht mehr, starke Meinungen zu haben. Man muss sie auf jedem Kontinent, als Ironman routinierten Ehrenempfangs und mit eiserner Kondition, ebenso glaubhaft wie sinnstiftend verkörpern und in klangvollen Dankesreden zu Gehör bringen, immer wieder, notfalls mehrere hundert Male.

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